Die Begriffe: Hof, Weiler, Dorf, Stadt. 255
schaftliche Erscheinung, welche in ihrem Entwickelungsprozeß und gegenwärtigen Stande
untersucht und dargestellt sein will, die zugleich die Grundlage bildet sür das Verständnis
der Wirtschaften der Gebietskörperschaften, hauptsächlich der Gemeinde und des Staates.
Wie diese Siedelung von den natürlichen Urfachen des Klimas, des Bodens, der
Wasserverteilung ꝛc. abhängig sei, haben wir schon oben (S. 126—-139, hpts. S. 138)
zu zeigen gesucht. Hier bleibt die Aufgabe, sie von der historischen, gesellschaftlichen,
volkswirtschaftlichen Seite darzustellen. Das geschichtliche und geographische Material
dazu ist freilich sehr lückenhast, vielfach auch das vorhandene nicht genügend bearbeitet.
Der Gegenstand ist mit der ganzen Bau⸗, Gemeindeverfaffungs⸗ und Grundeigentums—
geschichte verquickt und soll hier doch ohne diese dargelegt werden; die Darstellung
und Schlußfolgerung muß unter diesen Schwierigkeiten leiden. Ein großes Hülfsmittel
bietet für die neuere Zeit und die Kulturstaaten die Statistik, obwohl auch sie gerade
in diesem Gebiete weniger vollendet ist als auf anderen.
Die Begriffe, welche wir dabei anwenden, Hof, Weiler, Dorf, Stadt, sind an—
scheinend so bekannt, daß ihre Definition kaum nötig scheinen könnte. Doch sind einige
Worte nicht überflüssig, weil in den Begriffen einerseits rein technisch-wirtschaftliche,
andererseits aber aber Auch stets institutionelle, sitten- und rechtsgefschichtliche Elemente
enthalten sind. Die isoliert liegende Einzelwohnung des Försters, Waldhüters, Eisenbahn—
wärters wird noch nicht als Hof bezeichnet, sondern nur die eines Ackerbauers mit Stall,
Scheune und Umzäunung, wenn dieses Anwesen den Mittelpunkt eines landwirtschaft⸗
lichen Betriebes bildet; eine Gegend mit Hofsystem ist eine solche, wo eine große oder
überwiegende Zahl der wirtschaftenden Familien so im Mittelpunkte ihrer Felder und
Weiden vereinzelt wohnt. Unter dem Dorfe verstehen wir das engere Zusammenwohnen
von einer Anzahl Ackerbauer, Fischer, ländlicher Tagelbhner ꝛc., die höchstens einige
Handwerker und andere Elemente (Geistliche, Schullehrer, Krämer) unter sich haben;
der Weiler ist eine Zusammensiedelung von wenigen Höfen und Familien, die aber nicht,
wie die Dorfbauern, durch Gemeindeverfassung, Kirche und ühnliches gleichsam eine
höhere Einheit und Verbindung erlangt haben. Die Stadt ist ein größerer Wohnplatz
als das Dorf, aber zugleich ein solcher, wo Verkehr, Handel, Gewerbe und weitere
Arbeitsteilung Platz gegriffen hat, ein Ort, der auf seiner Gemarkung nicht mehr
genügende Lebensmittel für alle seine Bewohner baut, der den wirtschaftlichen, ver—
waltungsmäßigen und geistigen Mittelpunkt seiner ländlichen Umgebung bildet. Man
denkt aber ebenso sehr daran, daß er mit Straßen und Brücken, mit Marktplatz, mit
Rat- und Kaufhaus und anderen größeren Bauten versehen, daß er durch Wall, Graben
und Mauern besser als das Dorf geschützt sei, wofern ein jolcher Schutz überhaupt noch
nötig ist; endlich daran, daß er eine hoͤhere politische und Gemeindeverfassung, gewisse
Rechtsvorzüge besitze. So steigert sich mit der Differenzierung der Wohnplätze ihr
technisch⸗wirtschaftlicher wie ihr institutioneller Charakter. Die Wohnplätze organisieren
sich und werden organisiert, sie werden, je höher sie stehen, konventionelle, in gewissem
Sinne immer künstlicher geordnete sociale und wirtschaftliche Körper und Gemeinschasten.
Je mehr das geschieht, je älter sie sind, desto mehr greifen neben den technisch natür—
lichen Ursachen, Sitte, Recht, Überlieferung, gesellschaftliche Ordnung in ihre Entwicke—
ung ein.
845. Die ältesten Siedelungen, die der heutigen Barbaren- und
asiatischen Halbkulturvölker. Wir haben gesehen, daß wir uns die ältesten
Menschen in Horden von 285 bis zu 100 Personen, ihre späteren Nachkommen in
Stämmen und Sippenverbänden gegliedert zu denken haben. Auf den Wanderungen und
bei den erst vorübergehenden, späler dauernden Siedelungen werden sie des Schutzes und
der Verteidigung, der Geselligkeit und des Zusammenwirkens wegen immer möglichst
bei einander oder in der Nähe geblieben sein; nur wo die Ernährung eine größere Zer—
streuung nötig machte, werden sie sich in kleine Gruppen geteilt haben, die dann aber
doch in der Nähe blieben. Erst die Versprengung und Verdrängung in kalte, unwirt—
liche Gebiete und Klimate hat auf solcher Wirtschaftsstufe das Vorkommen vereinzelt
lebender Familiengruppen erzeugt.