26 Einleitung. Begriff. Psychologische und sittliche Grundlage. Litteratur und Methode.
gebührendes Maß von Mitteln zuzuführen. Rohe Zeiten haben durch ein Ubermaß
don Fressen und Saufen, civilisierte durch Kleider- und Festluxus gefehlt; verschwende—
rische Fürsten und Völker haben, statt sparsam die Mittel zusammen zu halten, durch
Bauten und Vergnügungen sich erschöpft; die sinkende Kultur des Allertums und der
Despotismus der neueren Zeit zeigen genug solcher Beispiele. Die Verbreitung der
Trunkenheit und des Alkoholgenusses der neueren Zeit beweist, wie wenig wir noch
über solche Irrwege hinaus sind.
Jebe Bedürfnissteigerung, zumal die rasch möglich werdende und eintretende, ist
für jede Klasse und jedes Volk eine Prüfung, die nur bestanden wird, wenn die sittlichen
Träfte gesund sind, wenn Besonnenheit und richtiges Urteil den Umbildungsprozeß
deherrschen, wenn die Mehrproduktion und die Spaͤrsamkeit gleichen Schritt mit den
— E— starke Bedürfnissteigerung
erzeugt die Gefahr, daß das Genußleben an sich für einzelne oder weite Kreise zu sehr
an Bedeutung gewinne gegenüber der Arbeit und dem Ernst des Lebens. Es entsteht
die Möglichkeit, daß die sersten Schritte auf dieser Bahn die Thatkraft steigern, die
päteren sie lähmen. Vor allem aber handelt es sich um die Art der Bedürfnissteigerung
ind ihre Rückwirkung auf die sittlichen Eigenschaften. Es dürfen nicht die gemeinen,
innlichen Bedürfnisse auf Kosten der höheren gesteigert werden. Es dürfen mancherlei
weischneidige Genußmittel nicht in die Hände halb kultivierter, sittlich schwacher Ele—
nente fallen: sie werden bei höchster Selbstbeherrschung vielleicht Gutes wirken, wenigstens
nicht schaden, sonst aber nur zerstbren. Allein die Bedürfnissteigerung ist die normale,
welche die geistigen und körperlichen Kräfte, vor allem die Fähigkeit zur Arbeit erhöht,
welche das innere Leben ebenso bereichert wie das äußere, welche den socialen Tugenden
einen Eintrag thut.
Die Gejsaht jeder Bedürfnissteigerung liegt im Egoismus, in der Genußsucht, im
ybaritischen Kultus der Eitelkeit, die sie bei falscher Gestaltung herbeiführen kann. Es
var kriechende Schmeichelei der früheren Jahrhunderte, jeden Wahnsinn fürstlicher Ver—
schwendung zu preisen; es war knabenhafte Demagogie, dem Arbeiter von der Sparsamkeit
bzuraten, weil die Bedürfnissteigerung stets wichtiger sei. So redete Lassalle von einer
berdammten Bedürfnislosigkeit der unteren Klassen, die ein Hindernis der Kultur und
der Entwickelung sei.
5. Die menschlichen Triebe.
Über die Litteratur siehe den vorigen Abschnitt.
13. Allgemeines. Die Lust- und Schmerzgefühle, die zur Bedürfnisbefriedigung
Anlaß geben, erscheinen als Triebe, sofern sie bleibende Dispositionen des Menschen zu
inem der Art, aber nicht dem Gegenstande nach bestimmten Begehren darstellen. Was
der Instinkt im Tier, ist der Trieb im Menschen. Er giebt die Anstöße zum Handeln,
die immer wieder in gleicher Richtung von der Thätigkeit unseres Nervenlebens, haupt—
ächlich von den elementaren Gefühlen ausgehen. Aber die heute vorhandenen, in
bestimmter Art auftretenden Triebe dürfen wir deshalb doch nicht als etwas ganz Un—
deränderliches, mit der Menschennatur von jeher an sich Gegebenes betrachten, so wenig
wie unser Gehirn und unsere Nerven stets ganz dieselben waren. Die Natur hat dem
Menschen nicht etwa einen Essenstrieb mitgegeben, sondern Hunger und Durst haben
als qualvolle Gefühle, welche die Nerven aufregen, Menschen und Tiere veranlaßt, nach
diesem und jenem Gegenstand zu beißen und ihn zu verschlingen; und aus den Er—
ahrungen, Erinnerungen und Erlebnissen von Jahrtaufenden, aus den körperlichen und
zeistigen damit verknüpften Umbildungen ist der heutige Trieb, Nahrung aufzunehmen,
entstanden, der in gewissem Sinne freilich als elementare, konstante Kraft, auf der anderen
Seite aber in seinen Außerungen doch als etwas historisch Gewordenes erscheint. Jeder so
mit der Entwickelungsgeschichte gewordene, auf bestimmten Gefühlscentren beruhende Trieb