Nationales Geistesleben im 9. und 10. Jahrhundert. 2038
Vollendung! werden alle Leiber dauern ohne Zunahme noch
Abnahme: nie wird die Zahl der Gevechten gemindert sein,
nicht mehr werden sie in Furcht leben vor den Listen des
Teufels.
Schon aus den bisherigen Mitteilungen geht hervor, daß
den Deutschen dieses Zeitalters jede verstandesmäßige Auf—⸗
nahme der Heilsthatsachen in Bewußtsein und Gemüt völlig
ferne lag; erkämpfen im Sinne altgermanischen Heldentums
wollten fie die Seligkeit, unmittelbar, in rückhaltloser Hingabe
an den Christengott den Teufel überwinden aus Kraft der
Bnade und der göttlichen Erleuchtung: die Grundanlage ihres
Verhaltens zum Christentum ist mystisch.
Nirgends wohl lernt man die Seelenkämpfe, die diese
religiöse Haltung für den Deutschen des 9. bis 11. Jahrhunderts
mit sich bringen konnte, besser kennen als in der Selbst⸗
biographie Otlohs, jenes müden Heiligen, der nach manchen
Irrfahrten seine Tage zu St. Emmeram in Regensburg gott⸗
selig beschloß. Wie oft kommen ihm nicht furchtbare Zweifel,
wenn er kämpfend und wachend die Kluft nicht zu überbrücken
—E des Lebens und den
hohen Forderungen Christi gähnt?! Aber nie hilft sich Otloh
etwa darüber hinweg auf dem Wege rationeller Klärung. Nur
um so heftiger ringt er in Glauben, Kasteiung und knirschender
Buße: da findet er in innerer Erleuchtung die Ruhe des christ⸗
lichen Gewissens, — sie wird ihm gewährt durch ein höheres
Wort, durch eine innere, völlig konkret gedachte Stimme. In⸗
dem er so von oben her, durch supranaturalistische, aber durch—
qus als real empfundene Hilfe sich kämpfend täglich hindurch—
rettet zum Frieden der Kinder Gottes, entwickelt er aus sich
heraus immer neu die Möglichkeit festen Wunderglaubens und
nie rastender Askese.
Wunderglauben und Askese sind die bezeichnendsten
Außerungen des ersten deutschen Christentums; sie gehören der
Vgl. hierzu Band Ls, S. 860.
2 S. Hauck, K.G. IV (1902) S. 80 ff. Dümmler, Berliner Sitzungs⸗
herichte (1895 II) S. 1071 ff.