Object: Das Erkenntnisproblem in der Philosophie und Wissenschaft der neueren Zeit (Bd. 1)

Die Naturphilosophie. 
unabhängig von der Betrachtung dieser Inhalte und ihrer Ver- 
inderung festhalten und definieren. Die psychologische Tat- 
sache, dass wir uns die Dauer nur mit Hülfe der Bewegung vor- 
stellig machen können, raubt der Zeit nichts von der Eigenart 
und Selbständigkeit ihrer begrifflichen Wesenheit.?®) Wenn diese 
Sätze einen Fortschritt in der Unterscheidung der reinen Ordnungs- 
prinzipien von dem Wahrnehmungsstoff, der sich in ihnen dar- 
stellt, enthalten, so sehen wir doch, dass die Erkenntnistheorie des 
Telesio selbst diese Sonderung nicht tiefer zu begründen ver- 
mag: der „Sinn“, auf dessen unmittelbares Zeugnis wir auch hier 
verwiesen werden, bietet kein Mittel, uns des „reinen Raumes“ 
wie der reinen Zeit zu versichern. (Vgl. ob. S. 216 £)) 
In eine neue Phase tritt das Problem im System des Patrizzi 
ein, in welchem es auf veränderte logische und metaphysische 
Vorbedingungen triflt. Zwar auch hier ist es zunächst die ein- 
lache Wahrnehmung, die die Wahrheit der räumlichen Beziehung 
and die Existenz des Leeren unmittelbar in sich enthalten und 
verbürgen soll: „denn wird nicht der Abstand zwischen Erde 
und Himmel ebenso direkt wie diese Objekte selbst vom Gesichts- 
sinn erfasst?“ Wer diese Grundtatsache der Empfindung leugnet, 
für den ist alle dialektische Untersuchung verloren: „cernentibus 
enim et mente pracditis nostra scribimus“. Und doch muss 
diese naive Sicherheit sogleich erschüttert werden, wenn es gilt, 
las Wesen des Raumes in feste Begrifle zu fassen und es einer 
der Klassen zuzuweisen, in die wir alles Sein zu gliedern pflegen. 
Alle üblichen Ordnungen und Einteilungen versagen für die 
Charakteristik dieses eigentümlichen sinnlichen Datums. Was 
‚st jener Raum, der vor der Welt voranging, der sie umfasst und 
jenseit ihrer eine eigene Erstreckung und Ausbreitung besitzt? 
Ist er die blosse Fähigkeit (aptitudo), körperliche Inhalte aufzu- 
nehmen? Oder kommt ihm eine Art dinglicher Wesenheit- zu: 
ist er somit als Substanz oder als Accidens, als körperlich oder 
unkörperlich zu denken? Keine dieser Bestimmungen trifft zu: 
denn sie alle sind nur Mittel, die Dinge in der Welt zu bezeich- 
nen, können daher nicht zur Charakteristik des Raumes dienen, 
der keinem Gegenstande, er sei materiell oder immateriell, als 
Merkmal oder Beschaffenheit anhängt. Ein neuer Gesichtspunkt 
ler Betrachtung ist daher zu fordern: eine Philosophische Beur-
	        
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