Die Begriffe des Raumes und der Zeit. — Die Mathemalik. 233
der Bewegung dar, die zuvor in empirischer Wirklichkeit gegeben
sein muss. Der Satz, dass. sie das Maass und somit die Bedingung
der Bewegung sei, wäre also im metaphysischen Sinne
umzukehren: das Faktum der Ortsveränderung, der Umschwung
der Himmelskugel musste vorausgehen. wenn der Gedanke der
Zeit sich bilden sollte. 7!)
Erst die Philosophie des T elesio beseitigt auch diese letzte
Schranke. Nicht als eine Beschaffenheit der materiellen Inhalte ist
nach ihr der Raum zu denken, sondern als ursprüngliche Existenz,
die bei allem Wechsel in den Lagen und Bewegungen der Einzeldinge
in unwandelbarer Identität ihnen gegenüber verharrt: bereit,
die verschiedensten körperlichen Gestalten und Abmessungen in
sich aufzunehmen, dennoch aber von jeder einzelnen unter ihnen
durch seine Natur und seine Wesenheit dauernd unterschieden.
Er bildet ein eigenes, für sich bestehendes Sein, das der körperlichen
„Masse“ entgegengesetzt ist. Wie er aller Wirkungsfähigkeit
bar ist, so bietet er auch nirgends die Möglichkeit
einer inneren qualitativen Unterscheidung, sondern ist in allen
seinen Teilen streng gleichförmig zu denken. Die Aristotelische
Ansicht, die das Naturgeschehen damit erklärt, dass sie den
einzelnen Elementen ein Streben nach ihrem „natürlichen Ort“
beilegt, ist daher — da jeder Teil des Raumes sich gegen jede
Materie gleichgültig verhält — obne Halt und Fundament: der
neue Raumbegriff verlangt und bedingt eine neue Physik.”?) Insbesondere
werden auch hier die Gründe, die in der peripatetischen
Schule gegen die Existenz des „Leeren“ vorgebracht werden, verworfen.
Ueberall, wo wir sehen, dass Körper sich einander zu
nähern suchen und nach gegenseitiger Berührung streben, haben
wir dies lediglich bestimmten immanenten Kräften, die in ihnen
wirksam sind, nicht einer allgemeinen Tendenz, die auf Vermeidung
oder Aufhebung des leeren Raums gerichtet st, zuzuschreiben.
Und wie der Raum, so ist auch die Zeit eine unabhängige
Existenz, zu deren Erkenntnis wir zwar durch die Wahrnehmung
der Bewegung zuerst veranlasst werden, deren Wesen aber ohne
Rücksicht auf sie gedacht und bestimmt werden muss, Der stetige
Fluss der Zeit selbst wäre nicht aufgehoben, wenn wir auch alle
Inhalte, die in ihr aufeinander folgen, vernichtet dächten; alle
logischen Eigentümlichkeiten und Merkmale der Zeit lassen sich