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Die Naturphilosophie.
der Aristotelischen Tradition gelöst. Bei Cardano, der die
Reihe eröffnet, finden wir noch unverändert die scholastische
Ansicht: der „Ort“ jedes Körpers ist gleichbedeutend mit der
Oberfläche, die ihn umgibt und gegen seine materielle Nachbar-
schaft abschliesst. Der eine und bleibende Ort der Welt ist
daher der letzte äusserste Umkreis des Alls, der, als die Grenze
der unbewegten Himmelssphäre, selbst unveränderlich und ewig
ist.) Es ist ein Fortschritt der logischen Abstraktion, wenn
Julius Caesar Scaliger in seiner Gegenschrift gegen Cardanos
Werk besonders auch diese Begriffsbestimmung heraushebt, um
sich ihr gegenüber auf die Raumlehre der antiken Atomistik
zu berufen, die durch die Aristotelischen Beweisgründe nicht
widerlegt sei. Der Raum wird für ihn wiederum mit dem
„‚Leeren“ identisch, das allerdings nicht als konkrete gesonderte
Einzelexistenz neben und ausserhalb der Körper, wohl aber als
das Behältnis zu denken ist, das überall mit den Körpern zugleich
vesteht und mit ihnen notwendig und unablösbar verbunden ist.
Der Ort eines materiellen Gebildes ist daher nicht mehr durch
Jessen begrenzende Oberfläche bestimmt und gegeben, sondern
?r ist gleichbedeutend mit dem dreidimensionalen geometrischen
inhalt, der durch jene Grenzen umschlossen wird. Raum und
Körper werden somit auf der einen Seite einander genähert, da
aunmehr in allen ihren Verhältnissen und Abmessungen eine
genaue Entsprechung und VUebereinstimmung stattfindet, anderer-
seits indes ihrem begrifflichen Gehalte nach rein und grund-
sätzlich geschieden. Die logische Wertordnung der Momente,
die hierbei eintritt, geht allerdings noch nicht prinzipiell über
die scholastische Auffassung hinaus. Auch hier noch bleibt die
Kategorie der Substanz „der Natur nach“ früher, als jede Art der
Beziehung; der Einzelkörper ist somit ursprünglicher, als die
cäumliche Ordnung, die nur zwischen bereits vorhandenen und
'ertigen Einzeldingen sich einstellen und Vollzichen kann. Der
Raum steht daher an fundamentaler begrifflicher Bedeutung
hinter dem Stoffe zurück, wenngleich beide physisch nur in-
ınd miteinander zu bestehen vermögen. Besonders deutlich tritt
diese Ansicht in der Auffassung und Abschätzung des Correlat-
begriffs der Zeit hervor. Auch die Zeit bildet nach Scaliger keinen
zlementaren Erkenntnisinhalt, sondern stellt eine Abstraktion von