Entwicklung der individualistischen Gesellschaft. J 185
Werken, wie der bayerischen Chronik und den Annales Bojorum
Aventins, nationalen Zielen folgte.
Das alles setzt voraus, daß um diese Zeit die mindestens
instinktive Überzeugung von dem Individualismus des einzelnen,
von der eingetretenen Differenzierung der Personenzellen des
nationalen Körpers schon allgemein verbreitet gewesen sein muß.
In der That befinden wir uns bereits in einem Zeitalter
errungener Selbsterkenntnis und entwickelten Verständnisses für
den Charakter anderer. Hatte im 14. Jahrhundert noch Karl IV.
mit den übrigens wenig gelungenen und sehr eigenartigen An⸗
fängen einer Selbstbiographie allein gestanden, und war diese
Zeit auch in den besten bürgerlichen Kreisen noch nicht durch
persönliche Denkwürdigkeiten, sondern höchstens durch Familien⸗
geschichten gekennzeichnet, so beginnen im 15. Jahrhundert die
Selbstbiographieen, und seit den ersten Vorbereitungen Kaiser
Maxens für seine selbstbiographischen Allegorieen bricht ein voller
Quell selbstgeschriebener Lebensgeschichten und Tagebücher hervor,
in denen die Gelehrten durch die beiden Platter, die Künstler
durch Albrecht Dürer, der kriegerische Adel durch Berlichingen
und Schweinichen aufs trefflichste vertreten sind.
Die Mitwelt in ihren Einzelpersonen aber ward jetzt zum
Gegenstand eifrigen und erfolgreichen Studiums der Maler,
der Schriftsteller und der Politiker. Welch köstliche Portraits
hesitzen wir aus dieser Zeit! In diesem Fach zeichnen sich nicht
nur die größten Künstler, ein Holbein und Dürer aus, auch
kleinere Meifter leisten durchweg Vortreffliches War man schon
im 14. Jahrhundert dem naturalistischen Umriß des Portraits
nahegekommen, so wächst die Fähigkeit zur vollen Wiedergabe
des menschlich Außeren im Verlauf des 15. Jahrhunderts ins
Virtuose, und die ersten Jahrzehnte des 16. Jahrhunderts
bringen das Geheimnis geistiger Auffassung hinzu. Es ist ein
Feld der Kunst, wo man sich so sicher fühlt, wie sonst fast
nirgends; schon wird die Portraitkarrikatur entwickelt. Und auch
schriftstellerisch weiß man der Persönlichkeit gerecht zu werden.
Die anekdotische Charakteristik eines Ottokar von Steier oder