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Dichtung.
nicht fern — wenigstens nicht in seinen späteren Arbeiten, nach—
dem er die allzustarke Abhängigkeit von Dickens abgestreift hatte.
Da hat er, mit Leib und Seele feudal gesinnt und in den
fünfziger Jahren Kreuzzeitungsmann, was freilich weder frivole
noch humoristische Behandlung ausschloß, das Leben des preußi⸗
schen Adels am Hofe wie außer Hofe, überhaupt das aristo—
kratische Berlin mit unübertrefflicher Treue geschildert.
Indes die eigentlichsten und tiefsten Ubergangsformen zum
Neuen sind doch schließlich nicht auf märkischem und Berlinischem
Boden erwachsen. Dazu war die märkische und wohl auch die
Berliner Kultur wenigstens der ersten Hälfte des 19. Jahr⸗
hunderts im Verhältnis zur deutschen Gesamtkultur noch zu wenig
bedeutend. Der wachsende Wirklichkeitssinn bedurfte, wo er sich
erfolgreich regen sollte, stärkerer Anregungen, bezeichnenderer Ob⸗
jekte. Und da er vornehmlich in der bürgerlichen Kultur als der
innerhalb der Nation allgemein führenden erwachte, so wandte er
sich zunächst dem alten Bauerntume, da, wo es kräftig und
knorrig und altererbtem Boden verwachsen saß, als inter—
essantestem Gegenstande, weil größtem Gegensatze zu. Neben die
Bauernmalerei trat die Dorfgeschichte, und vorflehmlich in Süd⸗
deutschland, in Schwaben und in der Schweiz, ward sie zuerst
heimisch. Berthold Auerbach (1812-82) wird als ihr Begründer
gefeiert, und so konventionell uns heute seine Bärbeles und
Josephs erscheinen, in den vierziger und fünfziger Jahren galt
seine Darstellung als ein Ausbund von Realismus. Derjenige
freilich, der zu weitaus schärferer Beobachtung vordrang und
dadurch zu einem eigentlichen Vorläufer des modernen Im—
pressionismus wurde, war der Schweizer Albert Bitzius, Jere—
mias Gotthelf (1797 -1854). Bitzius war Pfarrer, und seine
Absicht war es keineswegs an erster Stelle, Bauernnovellen
künstlerischen Charakters oder auch nur bäuerliche Erzählungen
zu schreiben. Seine Werke gehören vielmehr einer ganz anderen
Richtung an, die von altersher in der Schweiz gepflegt ward
und auch in einigen Dichtungen Kellers noch in starken Lichtern
ausstrahlt: sie sind in Erzählungen gekleidete Volkspädagogik.
Die größesten früheren Autoren dieser Richtung waren Pestalozzi