Full text: Tonkunst, Bildende Kunst, Dichtung, Weltanschauung (E,1.1902)

Weltanschauung. 
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Produkt der Wechselwirkung der menschlichen Triebe und ver— 
nünftiger Überlegung des Einzelnen und der Gattung ohne über— 
natürlichen Ursprung und unterstellte es ganz dem Wandel der 
geschichtlichen Entwicklung, wobei denn das Gute der Haupt— 
sache nach als das von der Gesellschaft in immer höherem 
Grade als nützlich Erkannte zur Erscheinung gelangte. Es 
waren ähnliche Anschauungen, wie diejenigen Jodls, der Auf—⸗ 
gabe und Ziel des Einzelnen in dem Bestreben fand, sein 
Selbst zum Selbst der Menschheit zu erweitern. 
Nun verstand sich, daß unter diesen Umständen die Religion 
mit der Sittlichkeit gar nicht mehr oder nur noch lose zu— 
sammenzuhängen brauchte, vorausgesetzt, daß der Einzelne sich 
zur Verwirklichung des aufgestellten Ideals in sich allein stark 
genug erschien und ihn das leidenschaftliche Gefühl seiner Ohn— 
macht in dieser Hinsicht nicht vielmehr gerade dem praktischen 
Glauben an eine göttliche Macht entgegentrieb. Und that— 
sächlich fühlte ein Teil der Gebildeten des ausgehenden 19. Jahr⸗ 
hunderts diese Stärke sittlicher Selbstherrlichkeit. Diesem Ge— 
fühl vornehmlich verdankte die sogenannte ethische Bewegung 
ihren Ursprung, die im Jahre 1878 in den nordamerikanischen 
Societies for ethical culture ihren Ursprung nahm und 1892 
auf Anregung des Professors der Astronomie Förster in Berlin 
und des Philosophen v. Gizycki (18831 -1895) zur Begründung 
der Deutschen Gesellschaft für ethische Kultur geführt hat. 
In ihr soll, ohne die Forderung des Glaubens an einen per— 
sönlichen Gott, ein Zustand der Gerechtigkeit, Wahrhaftigkeit, 
Menschlichkeit gepflegt werden. 
Aber waren diese praktischen Ausläufer der Ethik einer 
zunächst intellektualistischen Periode noch das, was die vor—⸗ 
— 
Form einer großen sittlichen Bewegung ersehnte? Ganz andere 
Forderungen als die einer angeblich philiströsen Moral glaubte 
man jetzt an die ethischen Ideale der Zukunft stellen zu müssen: 
Forderungen eines ethisch-ästhetischen Auslebens des Einzel— 
menschen, ja einstweilen nicht einmal eigentlich Forderungen, 
sondern nur vage Erwartungen und Hoffnungen eines höheren 
Lamprecht, Deutsche Geschichte. Erster Ergünzungsband. 26
	        
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