Full text : Der gesetzgeberische Ausbau des Deutschen Reiches und seine Wirtschaftlichkeitspolitik

II.  Staatlicher  Schutz  der  Unternehmer-  und  Arbeiterklasse.

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Immerhin  bedeutete  diese  Utopie  für  die  Massen  das  neue  Weltprinzip  und
Evangelium,  das  sie  mit  mächtigen  Impulseli  erfüllte  und  in  Bewegung  versetzte.
Auf  Grund  des  neu  eingeführten  a  l  l  g  e  m  e  i  n  e  n  S  t  i  m  m  r  e  ch  t  s,  der  V  er  eins-,
V  e  r  s  a  m  m  l  u  n  g  s-.  Preß-  und  Koalitionsfreiheit  wurde  dem  arbeitenden ­
  Volk  die  Möglichkeit  gegeben,  seine  Interessen  zu  erkennen,  und  sich  als  geschlossener ­
  Stand  in  der  Oeffentlichkeit  Geltung  zu  verschaffen.  So  trat  die  soziale
Reform,  die  von  den  Handel-  und  Gewerbetreibenden  bisher  als  eine  akademische
Doktorfrage  angesehen  worden  war,  in  ein  beschleunigtes  Tempo.
Von  akademischer  Seite,  mie  beispielsweise  von  W.  Sombart,  wird  die  ganze  Sozialreform
als  ein  selbstverständliches  Erzeugnis  der  proletarischen  Reaktion  gegen  das  Kapital  angesehen.
Diese  Annahme  steht  nüt  den  Tatsachen  in  Widerspruch.  Allerdings  trug  zur  Beschleunigung  des
Tempos  naturgemäß  auch  die  Arbeiterbewegung  in  den  sächsischen  und  rheinisch-westfälischen
Jndustriebezirken  bei.  Aber  geschichtlich  nachweisbar  begann  die  ernstliche  und  tatkräftige  Einleitung ­
  der  sozialen  Reform  schon  zu  einer  Zeit,  wo  von  einer  proletarischen  Reaktion  oder  Bewegung ­
  überhaupt  noch  gar  nicht  die  Rede  sein  tonnte.
Schon  damals  fühlte  man,  daß  man  vor  eitlem  entscheidenden  Wendepunkt
stand;  über  die  Notwendigkeit  einer  tiefeingreifenden  Reform  und  die  Unvermeidlichkeit ­
  größerer  Opfer  herrschte  Einmütigkeit  zwischen  der  Regierung  und  der  überwältigenden ­
  Mehrheit  der  Nation.  Besonders  war  man  darin  einig,  daß  gewisse
Klassen  von  Arbeitern,  namentlich  Kinder^  und  Frauen,  staatlich  und  durch  Gesetz
geschützt  lverdeu  müßten.  Selbst  in  Englattd  und  von  der  Manchesterschule,  die  sich
lauge  Zeit  dagegen  gesträubt  hatte,  wurde  dies  nun  unumwunden  anerkannt.  „Soziale ­
  Reform  oder  soziale  Revolution"  wurde  zur  Parole.  Nur  war  man  sich  bei  der
ungeheuern  Kompliziertheit  des  Problems  weder  liber  das  Ziel  noch  über  den  zu
beschreitenden  Weg  im  Klaren.  Bor  allem  fehlte  es  damals  für  die  Frage,  welche
Grenze  den  gesetzgeberischen  Eingriffen  zu  ziehen  sei,  noch  an  jeglichem  Anhaltspunkt.
So  lange  man  sich  noch  mitten  im  Fluß  der  modernen  Umgestaltung  der  Wirtschafts- ­
  und  Gesellschaftsordnung  sowie  der  Arbeiterbewegung  befand,  war  es  nicht
möglich,  ihre  Tragweite  und  alle  ihre  Konsequenzen  klar  zu  erfassen.  Die  Meinungen

])  Die  Anfänge  der  Sozialpolitik  liegen  in  den  Bestrebungen  für  eine  Regelung  der
Kinderarbeit,  und  zwar  gehen  diese  schon  auf  nahezu  200  Jahre  zurück.  Sie  bewegten  sich  damals ­
  in  einer  unserem  Fühlen  entgegengesetzten  Richtung  und  in  einer  Weise,  vermöge  deren
die  Heranziehung  einer  nationalen  Industrie,  die  soziale  Frage  und  die  gewerbliche  Fortbildungsschule ­
  miteinander  in  einen  inneren  Zusammenhang  gebracht  wurden.  Seit  den:  Aufkommen
der  Manufakturen  im  18.  Jahrhundert  nämlich  bildete  es  ein  Problem  der  Staatswirtschaft  das
Volk  in  größerem  Maßstab  zur  Industrie  heranzuziehen  und  zu  erziehen.  Den  Physiokraten
schwebte  dabei  eine  ausgedehnte  Armen-  und  Kinderbeschäftigung  vor,  indem  sie  von  der  Anf#uung
  ausgingen,  ouf  biefein  Biege  bie  Bereits  in  großen  Umrissen  wwl
Frage  gebannt  werden  könne.  Als  ein  Mittel  zur  industriellen  Heranbildung  sah  man  die  Ei  -
führung  der  obligatorischen  Volksgewerbeschule  an,  die  als  Unterbau  eines  weitverzweigten ­
  technischen  Unterrichtswesens  dienen  sollte.  Auf  diese  Weise  hofften  die  Physiotrat  '
und  Philantropen  ein  Humanitäts'ideal  im  Marie  Antoinettenstil  mit  der  lärmenden  Fabrik
verbinden  zu  können.  —  Die  Schwärmerei  für  die  Kinderarbeit  überdauerte  den  Zusammenbruck
der  alten  Verhältnisse.  -  Die  praktische  Grundlage  für  den  Ausbau  des  gewerblichen  Unterrickà
wesens  faßte  im  Jahre  1833  Rebenius  in  seinem  Werk  über  die  technischen  Lehranstalten  -
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