Full text : Die Arbeiterfrage in der Südrussischen Landwirtschaft

159

Oft  stehen  diese  Arbeiterwohnungen  dicht  neben  den  Stallungen.  In  den
Ecken  solcher  Wohnungen  liegen  grosse  Haufen  von  Mist,  der  von  dem
Gärtner  sehr  geschätzt  und  für  die  Gewächshäuser  verbraucht  wird.
Der  Mist  zersetzt  sich  und  dadurch  entsteht  eine  so  stinkende,  erstickende
Atmosphäre,  dass  man  die  Frage  aufwerfen  möchte,  ob  ein  Arbeitgeber,
der  den  Arbeitern  in  Bezug  auf  die  Wahl  ihrer  Schlafstätten  volle  Freiheit ­
  gibt  und  sie  unter  freiem  Himmel  schlafen  lässt,  nicht  humaner
handelt.  .  .  .  Unweit  solcher  Kasernen  befinden  sich  die  Schuttablagerungsplätze. ­
  Aborte  fehlen  vollständig. 1 )
Das  Gesinde  ausser  den  persönlichen  Dienstboten  des  Herrn  wird
in  der  Regel  entweder  in  den  Stallungen  oder  in  den  neben  den  Stallungen ­
  eingerichteten  kleinen  Kämmerchen  untergebracht.  Diese  sind
aber  viel  schlimmer  beschaffen  als  die  Stallungen.  Während  diese  letzten
beleuchtet  sind  und  viel  Stroh  am  Boden  haben,  sind  die  Schlafstellen
des  Gesindes  dunkel,  ohne  Lüftung,  feucht  und  mit  sehr  wenig  Stroh  für
Lager  versehen.  —  «Wenn  die  Arbeiter  nicht  unter  freiem  Himmel
schlafen,  so  werden  sie  in  solchen  Löchern  untergebracht,  in  denen  ein
guter  Wirt  auch  sein  Schwein  nicht  untergebracht  hätte,»  so  schreibt
ein  Aufsichtsarzt  auf  einer  Naturalverpflegungsstation.  «Oft  habe  ich
auf  den  Wirtschaften  reicher  Gutsherren  (so  z.  B.  im  Gouv.  Ekaterinoslaw
im  Distrikt  Kommissarow)  schöne,  mit  elektrischem  Licht  beleuchtete
Stallungen  gesehen,  während  die  Arbeiter  die  Nächte  auf  schmutzigem
Boden  in  den  dunklen  Schweineställen  verbringen  mussten.» 2 )
Als  Folge  dieser  Wohnungsverhältnisse  treten  natürlich  die  verschiedensten ­
  Krankheiten  auf.  So  wurden  im  Jahre  1900  auf  der  Naturalverpflegungsstation ­
  in  Golta  folgende  Krankheitsfälle  aufgezeichnet:
Tuberkulose  30  Fälle,  Syphilis  36,  Hautkrankheiten  26,  Parasiten  17  u.
dgl.  Sehr  verbreitet  ist  auch  das  Fieber.  So  kamen  im  Jahre  1899
von  allen  auf  den  Naturalverpflegungsstalionen  des  Gouv.  Cherson  als
krank  eingetragenen  Arbeitern  10,4  °/ 0  auf  die  an  der  Malaria  Leidenden.
§  VIU.  Die  Arbeitszeit.
Es  gibt  keine  bestimmte  Arbeitszeit,  die  im  südrussischen  Ackerbau
eingehalten  wird.  Man  arbeitet  am  Tage,  soviel  es  nötig  ist  und  so
viel,  wie  es  die  physischen  Kräfte  des  Arbeiters  gestatten.
Die  Arbeit  beginnt  noch  vor  Sonnenaufgang  und  dauert  bis  in  den
späten  Abend,  manchmal  auch  in  die  Nacht  hinein.  Frühstück,  Mittag-9
  Dr.  Freifeld  :  Die  Sanitätsverhältnisse  der  Landarbeiter  im  Kreise  Odessa.
2 )  Pissnjatschewsky:  Das  neue  Gesetz  über  die  Landarbeiter.  «Nascha  Sehisn»
N.  423,  1906.
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.