Full text: Grundzüge der Sozialpolitik

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1. Teil. Allgemeines. 
in dem sozialpolitischen Vorgehen, und die tatsächlichen Verhältnisse 
entsprechen dem in allen Kulturstaaten im großen und ganzen, wenn 
auch im einzelnen nicht immer das zweckmäßigste Vorgehen gewählt 
sein mag. 
. Daß die praktische sozialpolitische Arbeit Organe verschieden 
sten Charakters — staatliche, kommunale und private — heranziehen 
muß, ist hiernach selbstverständlich und wird sich in den folgenden 
Paragraphen deutlich zeigen. Die Organe nach diesem mehr äußer 
lichen Gesichtspunkt zu gruppieren, würde dem Ziel der Darstellung 
nicht entsprechen, weil dadurch die gleichem Zwecke dienenden Organe 
voneinander getrennt werden müßten. Es erschien zweckmäßiger, die 
Organe nach ihrer Zweckbestimmung zu gruppieren. 
S 2. Organe zur Feststellung der tatsächlichen Verhältnisse. Schon 
in § 1 ist kurz hervorgehoben, daß die Pflege der Sozialstatistik von be 
sonderer Bedeutung ist. Darüber besteht keinerlei Meinungsveschieden- 
heit. Es bedarf möglichst vollständiger und zuverlässiger Aufklärung- 
aller tatsächlichen Verhältnisse in bezug auf die arbeitenden Klassen 
und ihre gesamte Lage, wie sie sich aus dem wechselnden Umfang 
der Arbeitsgelegenheit, aus der Lage des Arbeitsmarktes und der 
Produktion überhaupt, aus der Stellung beim Abschluß des Arbeits 
vertrages und bei Festsetzung des Lohnes und sonstiger Arbeits 
bedingungen, aus der materiellen, geistigen und sittlichen Lebens 
führung des Arbeiterstandes, aus den dem Arbeitsverhältnis entspringen 
den Rechtsstreitigkeiten und Interessenkämpfen, aus den Wohnungs 
verhältnissen, aber auch aus den bisherigen öffentlichen und privaten 
sozialpolitischen Maßnahmen ergibt. Eine Fülle von einzelnen Gruppen 
sozialer Erscheinungen muß zu dem Zwecke festgestellt und dauernd 
beobachtet werden. Kein Kulturstaat kann diese Aufgabe ungelöst 
lassen. Eine wirklich ausreichende Aufklärung der gesamten Lebens 
verhältnisse ist aus einem doppelten Grunde unentbehrlich. Zuerst 
ermöglicht sie es, die auftretenden Klagen und die lautwerdende Kritik 
über die Lage der arbeitenden Klassen auf ihre Berechtigung zu 
prüfen und nötigenfalls auf das rechte Maß zurückzuführen. Diese 
Aufgabe ist von durchaus nicht zu unterschätzender Bedeutung für 
das Gesamtinteresse. Es ist bedauerlich, aber erklärlich, daß Klagen 
und Kritik vielfach übertrieben werden, um einen tieferen Eindruck 
auf die Arbeitermassen zu gewinnen, auf deren Eroberung sich die 
Agitationen richten. Die politischen Vertreter des Sozialismus haben 
darin manche Schuld auf sich geladen, und auch nichtsozialistische 
Kritiker haben oft das rechte Maß überschritten. Manche Erscheinung, 
die als großer Übelstand hingestellt wird, erweist sich bei genauer 
Untersuchung ihrer Einzelheiten, Ursachen und Wirkungen als bei 
weitem weniger bedenklich; mancher Übelstand, der agitatorisch ver
	        
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