Full text : Volkswirtschaftliches Lesebuch für Kaufleute

2.  Die  volkswirtschaftliche  Bedeutung  der  Fondsbörse.

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Von  wem  nun  aber  auch  der  Markt  des  mobilen  Kapitals  aufgesucht  werden
mag,  und  zu  welchen  Zwecken  dies  auch  geschehe,  alle,  die  es  tun,  haben  das  Verlangen,
die  Zwecke,  denen  ihr  Angebot  oder  ihre  Nachfrage  dienen  soll,  möglichst  bald  sicherzustellen. ­
  Ich  brauche  nur  daran  zu  erinnern,  daß  es  für  ein  industrielles  Werk  gar
nicht  möglich  ist,  eine  neue  Fabrik  zu  errichten  oder  sonstige  industrielle  Anlagen  herzustellen, ­
  daß  es  für  eine  Eisenbahngesellschaft  ganz  unmöglich  ist,  eine  neue  Linie  zu
bauen,  daß  es  für  eine  Gemeinde  unmöglich  ist,  ein  Elektrizitätswerk  herzustellen,  daß  es
für  eine  Landschaft  unmöglich  ist,  ihre  höher  verzinslichen  Pfandbriefe  in  niedriger
verzinsliche  zu  konvertieren,  daß  es  für  die  Staaten  unmöglich  ist,  ihre  Anleihen  zu
emittieren,  um  die  staatlichen  Zwecke  zu  erfüllen,  die  ihnen  obliegen,  wenn  sie  sich
nicht  gegen  die  Konjunkturen,  die  aus  den  wechselnden  Kursen  und  politischen  Verhältnissen ­
  sich  ergeben,  von  vornherein  sicherstellen  können.  Wenn  hierbei  auf  die  vermittelnde ­
  Tätigkeit  der  Banken  und  Bankiers  rekurriert  wird,  so  haben  doch  auch
diese  Mittelspersonen  wiederum  dasselbe  Interesse.  Auch  sie  müssen  die  Erfüllung
übernommener  Verbindlichkeiten  sicherstellen.
Der  Bau  der  deutschen  Eisenbahnen  im  Laufe  der  letzten  50—60  Jahre  hätte
niemals  in  so  sachgemäßer  und  dem  Interesse  des  ganzen  Landes  dienender  Weise  ausgeführt ­
  werden  können,  und  unsere  Industrie  hätte  niemals  in  der  Weise  erstarken
können,  wie  dies  geschehen  ist,  wenn  ihnen  nicht  eine  tatkräftige  Börse,  unterstützt  durch
ein  tatkräftiges  Teriningeschäft,  zur  Seite  gestanden  hätte.  Denn  die  großen  Aufgaben,
die  ich  kurz  skizziert  habe,  lassen  sich  nicht  erfüllen  im  Wege  des  eng  begrenzten  Kassageschäfts, ­
  im  Wege  eines  Geschäfts,  in  welchem  heute  die  Ware  und  heute  auch  das
bare  Geld  übergeben  werden  muß.  Diese  Aufgaben  erheischen  das  Eingehen  langsichtiger ­
  Verbindlichkeiten;  und  hierzu  bedarf  es  einer  Geschäftsform,  in  welcher  die  Verpflichtung ­
  zur  Erfüllung  sofort  sichergestellt  wird,  welche  aber  die  nötige  Zeit  und  den
nötigen  Spielraum  auch  läßt  zur  Beschaffung  und  Realisierung  der  erforderlichen  Mittel.
Mit  einem  Worte:  eine  leistungsfähige  Börse  bedarf  eines  leistungsfähigen
Terminhandels.
Ich  möchte  hier  einschalten,  daß  wir  ähnliche  Dinge,  wie  in  den  letzten  Jahren,
schon  früher  einmal  erlebt  haben,  und  zwar  gerade  gelegentlich  des  Baues  der  deutschen
Eisenbahnen.  Im  Jahre  1844,  als  sich  dem  deutschen  Kapital  die  Möglichkeit  eröffnete,
sich  an  der  Erfüllung  dieser  großen  wirtschaftlichen  Aufgabe  zu  beteiligen,  und  als,  wie
dies  bei  solchen  Gelegenheiten  immer  der  Fall  ist,  auch  Ausschreitungen  der  Spekulation
stattfanden,  erließ  der  damalige  Lerr  Finanzminister  v.  Bodelschwingh  eine  Bekanntmachung ­
  gegen  die  stets  wachsende  Zahl  und  Ausdehnung  der  Eisenbahnprojette,  „die
dem  Kandel  und  Gewerbe  die  nötigen  Betriebskapitalien  entziehen."  Lind  im  Mai
1844  erfolgte  seitens  der  Preußischen  Regierung  ein  radikaler  Schritt,  wie  er  damals
genannt  wurde:  es  wurde  eine  Verordnung  erlassen,  welche  alle  Zeitgeschäfte  in  Eisenbahnpromessen, ­
  Interimsscheinen,  Qittungsbogen  für  null  und  nichtig  erklärte  und  den
vereidigten  Maklern  die  Vermittlung  solcher  Geschäfte  bei  Strafe  der  Amtsentziehung
untersagte,  ferner  alle  Geschäfte  in  ausländischen  Wertpapieren  den  vereidigten  Maklern
zu  vermitteln  verbot  und  Klagen  daraus  für  null  und  nichtig  erklärte.
Der  Zwang  der  Verhältnisse  ist  stärker  gewesen  als  alle  Verordnungen.  Diese
Verordnungen  haben  nicht  innegehalten  werden  können,  weil  sie  gegen  die  Notwendigkeit
verstießen,  die  das  wirtschaftliche  Leben  der  Börse  auferlegte,  und  es  ist  dahin  gekommen,
daß  diese  Verordnungen  in  der  Versenkung  verschwunden  sind,  bis  sie  im  Jahre  1860
auch  offiziell  wiederaufgehoben  wurden.
In  gewöhnlichen  Zeiten  treten  die  Mängel,  die  sich  aus  dem  Fehlen  des  Termin-Handels
  ergeben,  schon  stark  genug  hervor;  wir  haben  das  im  Laufe  der  letzten  Monate
und  letzten  Jahre  deutlich  gesehen.  Kommt  aber  einmal  eine  ernstliche  politische  Krisis
oder  gar  ein  Krieg  über  Deutschland,  dann  kann  die  wirtschaftliche  Stärke  des  Deutschen
Mol  lat.  Volkswirtschaftliches  Lesebuch.  14
            
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