884 Verunreinigung der Gewässer, deren Schädlichkeit und Nachweisung.
a) Bei hochgradiger Verunreinigung durch Stoffe, welche, wie z. B. die Metallgifte,
dem organischen Lehen absolut schädlich sind, kann alles tierische und pflanzliche Leben
vernichtet werden. In diesem Falle wird ein so verunreinigtes Gewässer, das äußerlich
häufig durchaus rein und klar erscheint, frei von Pflanzen und Tieren sein können.
ß) Bei weniger starken Verunreinigungen oder wenn dieselben durch Stoffe erfolgen,
welche, wie z. B. viele organische Abfälle der Stärkezuckerfabriken, Brauereien, Brennereien,
Zellulosefabriken, Mühlen, als solche dem organischen Leben nicht an sich schädlich
sind, wird die Tier- und Pflanzenwelt nicht immer und notwendigerweise völlig verschwinden,
sondern nur ihre ursprüngliche Beschaffenheit verändern, indem sie den neuen
Lebensbedingungen entsprechend zum Teil erkrankt und abstirbt, zum Teil sich in einseitiger
Weise entwickelt. Es wird daher unter Umständen möglich sein,
aus dem Studium der Flora und Fauna einen Rückschluß auf eine etwa
vorhandene Wasserverunreinigung zu ziehen (vergl. S. 874 u. ff.).
Eine Wasserverunreinigung ist als durch Flora und Fauna erwiesen zu
betrachten:
«) Wenn die in dem Wasser vorhandenen Fische von Krankheiten ergriffen
werden, bezw. daran eingehen, welche nachweisbar unter normalen Verhältnissen
nicht entstanden wären.
Von derartigen Krankheiten sind z. B. beobachtet: Blutungen der Kiemen infolge
mechanischer Beize durch Brauneisenstein, Braunkohlen, Steinkohlen usw., Atemnot
und Anämie infolge von Verunreinigungen der Kiemen durch Papiermasse oder Abfälle
von Werg- und Knnstwollfabriken, Trübungen der Hornhaut bezw. vollständige Zerstörung
des Augenbulbus infolge ätzender Stoffe im Wasser, Zerstörung großer Flächen der Oberhaut
und der Schuppen durch Säuren bezw. Alkalien mit nachfolgender Pilzinfektion usw. usw.
Bei der Beurteilung derartiger Erkrankungen ist jedoch große 'Vorsicht geboten.
Es darf nicht vergessen werden, daß in der Natur unter den Fischen große Epidemien
nicht selten auftreten, z. B. die Sporozoenerkrankungen der Barben in der Maas
und Mosel und anderen Flüssen, ähnliche Sporozoeninfektionen in Forellenteichen (Hirninfektion),
die sog. Pockenkrankheit der Karpfen, die Forellenseuche, veranlaßt durch einen
spezifischen Bacillus (Emmerich), ein schleimiger Überzug, hervorgerufen durch Saprolegnia-Arten,
Mucor mucedo usw. Es muß ferner betont werden, daß es eine Eeihe von epidemischen
Erkrankungen gibt, deren Ursache bisher durchaus nicht erkannt ist.
Unter Berücksichtigung des gegenwärtig noch ungenügenden Standes der wissenschaftlichen
Erkenntnis auf dem Gebiet der Fischkrankheiten darf daher die Feststellung
der Ursache für ein durch Wasserverunreinigung erfolgtes Fischsterben nur auf Grund
ganz konkreter Beobachtungstatsaohen erfolgen, niemals darf dieselbe aber aus der Untersuchung
des Fisches indirekt erschlossen werden, wenn derselbe keine bestimmten Merkmale
einer natürlichen Erkrankung zeigen sollte.
Auf diesem bisher noch wenig bebauten Gebiet der Pathologie der Fische darf nur
der histologisch und pathologisch-anatomisch geschulte Mikroakopiker als ausschlaggebender
Sachverständiger betrachtet werden, 1 )
ß) Wenn die niedere Tierwelt
1. entweder vollständig ausgestorben ist, bezw. nur noch in vereinzelten
Exemplaren hier und da vorkommt, so daß sie als Fischnahrung, soweit sie überhaupt
dazu geeignet erscheint, nicht mehr in Betracht kommen kann,
2. oder ihren ursprünglichen Charakter auffällig geändert hat.
ü Gegenüber dem häufig in der Praxis gemachten Einwand, daß Fische, welche
durch schädliche Abwässer getötet sind, infolge von Sprengungen mit Dynamit, ungelöschtem
Kalk usw. zugrunde gegangen sein sollen, sei hier bemerkt, daß es möglich ist, aus dem
anatomischen Befund an der Fischteiche einen nötigenfalls gewaltsamen Tod durch Sprengmittel
festzustellen. Bei den mit Dynamit, Kalk usw. gesprengten Fischen ist die Schwimmblase
meist geplatzt. Ebenso ist auch die Wirbelsäule häufig in Stücke zerrissen. Wenn
Fische zur Untersuchung eingesandt werden sollen, so empfiehlt es sich, dieselben möglichst
frisch, in Eis und Stroh einzeln in Pergamentpapier gewickelt, zu verschicken.