Full text : Frankreichs Bank- und Finanzwirtschaft im Kriege

94

Erwin  Respondek

arbeiten  in  der  Praxis  oft  ineinander.  Die  Coulisse  vermag  durch  ihre
Anpassungsfähigkeit  an  Konjunkturumschläge,  Krisen  aller  Art,  dem
Pariser  Finanzmarkte  eine  schätzenswerte  Elastizität  zu  gewähren
und  im  Verein  mit  dem  Parkett  durchaus  glücklich  und  marktregelnd
zu  wirken.
Aus  diesem  Aufbau  des  Pariser  Marktes  geht  die  überragende  und
wichtige  Stellung  des  Wechselmakler-Syndikats  deutlich  hervor.  Sie
wurde  in  bewußter  Weise  nach  den  gezeichneten  Richtungen  ausgebaut
und  die  weiten  Machtbefugnisse,  die  dem  amtlichen  Makler-  Syndikat
eingeräumt  sind,  haben  es  seinen  Mitgliedern  ermöglicht,  sich  in  den
spekulativen  und  anlagesuchenden  Schichten  der  Bevölkerung  eine
Vertrauen  und  Ansehen  sichernde  Position  zu  erwerben.  Weniger  bevorzugt ­
  und  fest,  dafür  aber  um  so  lebhafter  und  beweglicher  in  der  reinen,
eigenen  Spekulation  arbeitet  die  Coulisse.  Äußerlich  kommt  der  Unterschied ­
  zwischen  diesen  beiden  Elementen  der  Pariser  Börse  schon  in  der
Höhe  der  ihnen  anvertrauten  Reportengagements  zum  Ausdruck.  Der
Zahlungsaufschub,  den  sich  die  Börse  selbst  gewährte,  legt  Reportgelder
im  Markte  der  Wechselmakler  von  etwa  500  Mill.  Frcs.  und  in  dem  der
Coulissiers  dagegen  nur  von  150—160  Mill.  Frcs.  fest.  Er  traf  aber  beide
Gruppen  gleich  schwer,  und  man  suchte  daher  von  allen  Seiten  nach
einer  Lösung.  Es  ist  bereits  dargelegt,  daß  diese  Gelder  einen  Teil  der
Kapitalien  von  Privaten  und  auch  Banken  bilden,  die  durch  Vermittlung
beider  Maklergruppen  im  Reportgeschäft  investiert  wurden.  Sie  stellen
zum  größten  Teil  zeitweilig  im  Handels-  und  Zahlungsverkehr  nicht
benötigte  Kapitalien  dar,  die  aus  Rücksichten  auf  den  relativ  hohen
Zinsertrag  und  ihre  leichte  Realisierbarkeit  ohne  Bedenken  den  Maklern
zur  Anlage  überwiesen  wurden.  Nunmehr  ist  es  unmöglich,  sie  zurückzuleiten. ­
  Zwar  sind  sie  durch  den  Aufschub  nicht  verloren,  aber  der
Wirtschaft  entzogen  und  unproduktiv  festgelegt.  Dies  bedeutet  natürlich ­
  eine  schwere  Belastung  für  die  Geldgeber,  Banken  und  Private.
Die  letzteren  namentlich  forderten  daher  eine  möglichst  rasche  Abwicklung ­
  der  Engagements  und  erhofften,  wie  bereits  erwähnt,  eine  endgültige ­
  Regelung  am  Ultimo  des  Monats  August  1914.  Dennoch  wurden
die  Verbindlichkeiten  weiter  hinausgeschoben  und  von  Monat  zu  Monat
mußte  auch  späterhin  die  Prolongation  erneuert  werden.  In  der  Zwischenzeit ­
  wurden  zahlreiche  Vorschläge  diskutiert,  um  diese  Frage  zur  Zufriedenheit ­
  aller  Betroffenen  zu  lösen.  Man  sagte,  daß  die  Verhältnisse ­
  am  Ende  des  nächsten  Monats  kaum  vorteilhafter  sein  könnten,
als  am  Ende  des  vorherigen  und  daß  man  sofort  zur  Liquidierung  schreiten, ­
  die  Reportengagements  aus  Anlaß  einer  unerwarteten  höheren
Gewalt  lösen  müßte.  Diese  einfache  Lösung  des  komplizierten  Problems
ist  eine  ebensowenig  überzeugend  einleuchtende  und  richtige  wie  radikale
Maßregel.  Sie  ist  gewiß  höchst  leicht,  dürfte  aber  die  Reportgeldfrage
in  ihrem  Kern  selbst  nicht  treffen.  Denn  die  Kapitalien  sind  in  jenen
Engagements  seit  langer  Zeit  fest  angelegt,  bereits  vollständig  verbraucht,
und  an  ihre  Stelle  müssen  neue  Gelder  treten,  um  die  alten  Kapitalien,
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.