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Die Weltwirtschaft.
Absatz im großen erfolgt nicht nur in dem modernen, für unsere Zeit charakteristischen
Fabrikbetriebe, sondern großenteils noch im Verlage. Nichts destoweniger kann
man jedoch das Vordringen des Großbetriebes und insbesondere des Fabrikbetriebes als
die zweifellose Richtung der industriellen Entwickelung bezeichnen. Deutlich geht dies aus
letzten deutschen Gewerbezählungen von 1882 und 1895 hervor. Während die Zahl den
der Kleinbetriebe von 1882 bis 1895 um 8,6 °/ 0 , im Personal um 2,4 °/ 0 zurückgegangen
ist, hat sich die Zahl der mittleren Betriebe um 64,i °/ 0 , ihr Personal um 71,s °/ 0 , die
Zahl der Großbetriebe um 89,3 °/ 0 , ihr Personal um 87,2 °/ 0 vermehrt. Die Betriebe
mit mehr als 200 Arbeitern haben ihr Personal sogar verdoppelt. Am stärksten ist
somit der Großbetrieb gewachsen. Neben ihm hat auch der mittlere Betrieb einen Fort
schritt zu verzeichnen, während die ganz kleinen Unternehmungen, namentlich jene primi
tiven Betriebe, in denen der Inhaber allein, ohne die Unterstützung von Gehilfen oder
Motoren arbeitet, einen scharfen Rückgang zu verzeichnen haben. Am mächtigsten ent
wickelt ist der Großbetrieb in der Textil-, chemischen und Maschinenindustrie, namentlich
aber im Bergbau und Hüttenwesen. Fast zwei Drittel, im Bergbau 95,2 °/ 0 aller ge
werblichen Arbeiten werden da in Unternehmungen mit mehr als 50 Personen verrichtet.
Es sind dies die Gewerbe, in denen die Anwendung mechanischer Hilfsmittel und
motorischer Kraft am weitesten gediehen ist. Hier ist dem Kleinbetriebe die technische
Grundlage geschwunden. Es ist heute undenkbar, die Spinnerei, die Eisenerzeugung,
die Herstellung chemischer Massenprodukte in kleinen Unternehmungen zu betreiben. Aber
auch in Gewerben, in denen die Maschinentechnik dem Kleinbetriebe zugänglich ist, besitzt
der Großbetrieb Vorteile, die ihn zur wirtschaftlich überlegenen Betriebsform machen.
Schon die motorische Kraft stellt sich in der Regel um so billiger, je größer der Motor
ist; dann ist die Ausnützung der Maschinen im Großbetriebe eine bessere, und dies ge
währt die Möglichkeit, für einzelne Arbeiten Spezialmaschinen aufzustellen, die in kleinen
Unternehmungen keine genügende Beschäftigung finden, um rentabel sein zu können. Es
hängt dies zusammen mit der stärkeren Arbeitsteilung im Großbetriebe. Diese ermöglicht
auch eine bessere Organisation der menschlichen Arbeitskräfte, die planmäßige Durch
führung weit getriebener Arbeitsteilung und Arbeitsvereinigung auch dort, wo es sich
um Handarbeit handelt. Einen weiteren Vorteil gewährt dem Großbetriebe die Massen-
haftigkeit seines Bedarfes beim Einkäufe von Rohstoffen und die Möglichkeit einer ent
sprechenden kaufmännischen Organisation des Absatzes. In Gewerben, in denen die
Technik des Großbetriebes von jener des Kleinbetriebes nicht wesentlich verschieden ist,
wie z. B. in der Kleidermacherei, sind diese letztgenannten Vorteile des Großbetriebes die
ausschlaggebenden. Mit der modernen Entwickelung des Verkehrs und dem raschen
Wachstum der Städte, das für unsere Zeit charakteristisch ist, hat auch die Art der
Bedürfnisbefriedigung eine Veränderung erfahren; der Kauf fertiger Ware hat die Be
stellung vielfach verdrängt. In den Städten sind die großen Läden und Magazine ent
standen, in denen man alle möglichen Sachen fertig vorfindet, und auch der Landbewohner
zieht es oft vor, bei einem Besuche in der Stadt die fertige Ware zu kaufen, statt sie
beim ortsansässigen Gewerbetreibenden zu bestellen. Zwischen den Handwerker und
seinen Kunden hat sich der Händler eingeschoben, und in vielen Fällen, so z. B. in der
Konfektionsindustrie ist ein großer Teil der Handwerker zu Verlagsarbeitern des Händlers
herabgedrückt worden. Dieselbe Entwickelung ist dort eingetreten, wo Produkte der
Handfertigkeit ohne Mithilfe der Maschinen für den Export erzeugt werden, wie z. B. in
der Spielwarenindustrie, der Drechslerei und ähnlichen. Betrachtet man auch die großen
Verlagsgeschäfte in diesen Gewerbezweigen als einheitliche Unternehmungen, in denen
bloß die Erzeugung in den Werkstätten der verschiedenen abhängigen Kleinmeister und
Hausindustriellen dezentralisiert ist, während der Absatz der Waren, und in vielen Fällen
auch der Einkauf des Rohstoffes, die ganze kaufmännische Seite des Geschäftes, in großem
Stile durch den Verleger abgewickelt wird, so wächst der Raum, den der Großbetrieb in
unserer Wirtschaft einnimmt, noch ganz erheblich. Die Folge dieser Entwickelung ist
eine stetige Abnahme der selbständigen Unternehmer. Ihre Zahl betrug im deutschen