1. Die Stellung der Industrie im Wirtschaftsleben des Deutschen Reiches. 375
tätigen Personen einen ständig zunehmenden Bedarf an Rohstoffen und Nahrungs
mitteln. dem die einheimische Produktion, besonders die Landwirtschaft, trotz aller
Anstrengungen nicht folgen konnte und auch bei den Riesenbeträgen, um die es sich
handelt, kaum je wird entsprechen können. So mußte ein sich ständig vergrößernder
Fehlbetrag durch den Bezug ausländischer Rohstoffe und Nahrungsmittel gedeckt
werden. Der Wert der Einfuhr von Rohstoffen und Nahrungsmitteln belief sich in
1909 auf 7 s1910: 7,3s Milliarven Ji, d. s. mehr als drei Viertel unserer ganzen Ein
fuhr und fast die Hälfte des Wertes der gesamten Erzeugung der inländischen Land
wirtschaft, und die Einfuhr von Rohstoffen allein erreichte in 1909 einen Wert von
4,7 [19 LO: 5,1] Milliarden Ji, d. i. weit mehr als die Hälfte unserer Einfuhr und
fast der siebente Teil unserer gesamten auf 35 Milliarden Ji geschätzten gewerblichen
Erzeugung. Unsere Gewerbtätigkeit beruht zum größten Teil auf der ungehemmten
Zufuhr dieser Rohstoffe aus dem Ausland und würde zum Stillstände gebracht
werden, wenn sie mit einem Male abgeschnitten würde.
Die Industrie muß auf der anderen Seite die Mittel aufbringen, um diese
Rieseneinfuhr zu bezahlen, und dazu führt sie die Erzeugnisse ihrer Arbeit aus.
Die Fertigfabrikate haben einen immer größeren Anteil an unserer Ausfuhr ein
genommen; ihr Wert beläuft sich auf gegen 4% [1910:4,8] Milliarden Ji, d. h. auf
zwei Drittel unserer gesamten Ausfuhr und weit über ein Zehntel unserer gesamten
gewerblichen Erzeugung, und die Entwicklung drängt dahin, immer mehr anstatt der
zum Teil noch bestehenden Ausfuhr von Rohstoffen und Halbfabrikaten Fertig-
fabrikate auszuführen, um uns so die darauf verwendete Arbeit vom Auslande be
zahlen zu lassen. Die Aufnahmefähigkeit des inneren Marktes mag noch so sehr
steigen: wir werden stets damit zu rechnen haben, daß unsere Fabrikatenausfuhr uns
die Mittel zur Befriedigung des Bedarfes an Rohstoffen und Nahrungsmitteln bieten
muß, mithin die Grundlage für die Beschäftigung und Ernährung unseres Be
völkerungszuwachses bildet. Die Vermehrung unserer Bevölkerungszahl haben wir
mithin nur dadurch erkaufen können, daß wir auf unsere wirtschaftliche Unab
hängigkeit verzichtet, uns in Abhängigkeit von dem Verkehr mit fremden Wirtschafts
gebieten begeben haben.
Für die Ernährung eines Bevölkerungszuwachses von fast 1 Million jährlich,
für die Arbeitsgelegenheit für y 3 Million Menschen, die jährlich in das Erwerbs
leben eintreten, muß unsere Industrie Sorge tragen! Eine gewaltige Leistung, die
die Voraussetzung für den ungestörten Fortgang unserer nationalen Entwicklung
darstellt. Wie hätte sich unsere Bevölkerungszahl entwickelt, wenn nicht die Industrie
den Überschuß aufnähme? Wäre nicht unsagbares Elend die unausbleibliche Folge
gewesen? Hätte nicht die Auswanderung, die in den Zeiten der wirtschaftlichen
Stockung im Beginn der achtziger Jahre jährlich bis zu 200 000 Köpfen und mehr
betrug, also zeitweise fast die Hälfte des gesamten Bevölkerungszuwachses ausmachte,
die unserm Volkstum zumeist unwiederbringlich verloren ging, in unvermindertem
Umfang angehalten? Wäre es wohl denkbar gewesen, daß sie bis auf den zehnten
Teil zurückgegangen ist? Hätte wohl unsere Bevölkerungszahl bis zur jetzigen Höhe
steigen können?
Die neuzeitige wirtschaftliche Entwicklung hat uns somit mächtiger gemacht; sie
hat uns aber auch reicher gemacht. Deutschland galt bis vor kurzem als ein armes
Land, das sich mit Großbritannien und Frankreich bei weitem nicht messen könnte,
und auch heute nimmt man im allgemeinen an, daß sein Volkswohlstand hinter dem
dieser Staaten weit zurückbleibe. Ernsthafte Statistiker kommen demgegenüber auf
Grund eingehendster Berechnungen zu dem Ergebnis, daß das deutsche Volksver-
mögen, auf den Kopf der Bevölkerung berechnet, nur unwesentlich hinter dem unserer
Nachbarn im Westen zurückbleibt. Und wie unser Volkseinkommen gerade in den