Full text : Volkswirtschaftliches Quellenbuch

620  Sechster  Teil.  Volkswirtschaftliche  Zustände  in  Amerika.

sind  nicht  vorhanden.  Mit  den  Leistungen  der  Verwaltung  scheint  man  sehr  zufrieden
zu  sein.
Ich  hatte  Gelegenheit,  die  Einrichtungen  des  Postamtes  in  Milwaukee,  eines
prächtigen  Granitbaues  in  romaneskem  Stil,  in  allen  Teilen  zu  besichtigen  und  mir
erklären  zu  lassen.  Sowohl  die  für  den  Verkehr  des  Publikums  als  die  für  den
inneren  Dienst  bestimmten  Räume  fand  ich  sehr  praktisch  angelegt.  Bemerkenswert
erschien  mir  besonders  die  dort  verwandte  Stempelmaschine,  die  in  der  Stunde  ca.
45  000  Briese  abzufertigen  vermag.  Voraussetzung  für  eine  vorteilhafte  Anwendung
derselben  ist  ein  möglichst  gleiches  Format  und  einheitliche  Beklebung  der  Briefe.
Diese  Voraussetzung  ist  in  den  Vereinigten  Staaten  in  hohem  Maße  vorhanden.
Bezeichnend  erschien  mir,  daß  man  mir  in  einem  guten  Schreibmaterialiengeschäft,  wo
ich  Briefpapier  kaufen  wollte,  nur  ein  einziges  Format  vorlegen  konnte.
Sehr  große  Aufmerksamkeit  wird  der  Ergänzung  ungenügender  Adressen  zugewendet. ­
  Ich  sah  eine  Beamtin,  die  an  der  Hand  mehrerer  Adreßbücher  nur  hiermit
beschäftigt  war.
Abweichend  von  unseren  Einrichtungen  ist  die  Ausgabe  von  Paketen.  Gewöhnliche ­
  Pakete  bedürfen  keiner  besonderen  Begleitadresse,  die  Adresse  wird  lediglich  auf
das  Paket  selbst  geschrieben;  dieses  kann  in  besondere,  an  verkehrsreichen  Punkten
aufgestellte  Paketkasten  (ähnlich  den  Briefkasten,  nur  größer)  geworfen  werden.  Doch
scheint  man  seitens  der  Post  selbst  kein  sehr  großes  Vertrauen  in  die  Zuverlässigkeit
dieses  Verfahrens  zu  setzen,  wenigstens  wird  das  Publikum  durch  Plakate  im  Postamt ­
  aufgefordert,  Pakete  mit  wertvollerem  Inhalt  einschreiben  zu  lassen.  Im  übrigen
werden  größere  Pakete  billiger  als  durch  die  Post  durch  private  Expreßkompagnien
befördert,  und  zwar  nach  allen  Orten  der  Union.
Für  Postkarten  gilt,  abweichend  von  unseren  Vorschriften,  die  Bestimmung,  daß
ein  Teil  der  Vorderseite  (links)  zu  Mitteilungen  benutzt  werden  kann,  was  namentlich
für  Ansichtskarten  von  einem  gewissen  Wert  ist.*)
Die  Bestellung  von  Postsachen  wird  durch  die  Trennung  von  Geschäfts-  und
Wohnungsquartieren  sehr  gefördert.  In  ersteren  findet  eine  sehr  häufige,  in  letzteren
eine  seltenere  Austragung  statt.
Das  Fernsprechwesen  liegt  in  den  Händen  privater  Erwerbsgesellschaften.
An  manchen  Plätzen  bestehen  deren  zwei  mit  verschiedenen  Netzen;  alsdann  sind  die
Interessenten,  die  an  beide  Netze  angeschlossen  sein  wollen,  zu  doppelten  Anlagen  und
Ausgaben  genötigt.  Den  Betrieb  fand  ich  im  übrigen  überall  vorzüglich  entwickelt,  die
Bedienung  sehr  prompt.  Von  Apparaten  scheinen  allgemein  solche  verwendet  zu  sein,
bei  denen  sich  sowohl  das  Anrufen  des  Amtes  als  auch  des  anderen  Teilnehmers
selbsttätig  nach  Abnahme  des  Hörers  bezw.  nach  Herstellung  der  Verbindung  vollzieht.
Dies  scheint  mir  eine  große  Annehmlichkeit  zu  sein.  Die  Bedienung  findet  ununterbrochen ­
  Tag  und  Nacht  statt,  ohne  daß  für  die  Benutzung  bei  Nacht  eine  besondere
Gebühr  (wie  bei  uns)  zu  zahlen  ist.  Zu  bemerken  ist  noch,  daß  man  in  manchen
Städten  (z.  B.  Milwaukee)  öffentliche  Sprechstellen  auf  Plätzen  und  Straßen  eingerichtet ­
  hat.  Der  Apparat  befindet  sich  in  einem  von  jedermann  zu  öffnenden,  mit
Teilnehmerliste  versehenen  Gehäuse,  das  an  einer  Telegraphenstange  angebracht  ist.
Das  Telegraphenwesen  ist  vorzugsweise  in  Händen  der  Gestern  Union
Dolo^i-apU  Company,  einer  Privatgesellschaft.  Von  ihren  Bestimmungen  ist  die
hervorzuheben,  daß  für  Telegramme,  die  nachts,  d.  h.  von  6  oder  7  Uhr  abends  ab,
aufgeliefert  werden,  nur  die  Hälfte  der  regelmäßigen  Gebühr  erhoben  wird.

*)  Bekanntlich  sind  jetzt  auch  im  Deutschen  Reiche  im  inneren  und  ebenso  im  Weltpostverkehre ­
  briefliche  Mitteilungen  auf  der  linken  Hälfte  der  Vorderseite  der  Postkarten  zulässig. ­
  —  G.  M.
            
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