Full text: Die deutsche Hausindustrie

118 V. Kap.: Volkswirtfchaftliche und foziale Bedeutung der Hausinduftrie 
einfacher Lebensfitten billiger arbeiten können. Und f o z i a I betrachtet, 
ift es erft recht ein ungefundesVerhältnis, wenn der Unter 
nehmer vorwiegend auf das Überangebot und die 
H i I f I o f i g k e i t der Arbeiter fpekuliert, wenn ihn 
kein anderes Intereffe an das Unternehmen bindet, 
als die Billigkeit des Betriebs, oder beffer gefagt die Billigkeit 
der Arbeitskräfte. Ein folches rein kaufmännifches Verhältnis dient keinem 
fozialen Intereffe, und wenn es auch den fo gefürchteten Klaffenkampf nicht 
anfacht oder fchürt, weil die Arbeitermaffen zu fchwach find, fich zum Kampfe 
zu erheben, fo mehrt es doch das immer tiefer finkende Proletariat und läfzt 
die Klaffengegenfätze fchärfer und fühlbarer werden. — Volkswirtschaftlich 
wie fozial wäre es durchaus erwünfeht, wenn die billigen Arbeitskräfte nicht 
mehr vorhanden wären und fo der Hausinduftrie der Boden entzogen würde. 
Es wird aber ftets bei noch fo ftarker Tendenz nach Befeitigung der Haus- 
induftrie, bei noch fo ftarker Beförderung des Übergangs von Haus 
induftrie zur Fabrik eine grofze Zahl folcher geben, die einerfeits an ihr Heim 
gebunden find und anderfeits notgedrungen nach Nebenerwerb fich umfehen. 
Und damit kommen wir zur P r ü f u ng des dritten Grundes für 
das Beftehen der Hausinduftrie. Sowohl den Nebenerwerb fuchenden Frauen 
und Müttern, als den Winterarbeit fuchenden Bauernfamilien ift in vielen Fällen 
durch eine Fabrik nicht geholfen, deren Arbeitsbedingungen fie fich nicht unter 
werfen können. Da|z diefe fich mit gutem Grunde nach gewinnbringender Arbeit 
im eignen Haufe, nach Heimarbeit umfehen, können wir verftehen. Bei ihnen 
mufz es fich darum handeln, dafz fie zunächft folche Hausinduftrie treiben, die 
ihrer fonftigen (Haupt-) Befchäftigung nicht widerfpricht; der Bauer darf z. B. 
keine Hausinduftrie vornehmen, die grofze Gefchicklichkeit und Fertigkeit er- 
fordert, und zu welcher die fchwere ländliche Arbeit ihn untauglich gemacht 
hat. Vor allen Dingen aber müffen all diefe durch ihre Lebensverhältniffe 
zur Hausinduftrie gewiffermafzen gedrängten Perfonen gefchützt werden vor 
den der hausinduftriellen Befchäftigung anhaftenden Mijzftänden, gefchützt 
werden befonders vor der Gefahr der Übervorteilung durch Verleger und 
Zwifchenmeifter. 
Die Zahl der exiftenzberechtigten und fomit reformbedürftigen Haus 
induftriellen würde fich nach dem Gefagten wefentlich zu fammen fetzen aus 
folchen, die einerfeits durch ihren Hauptberuf oder höhere Pflichten ans Haus 
gefeffelt find, anderfeits nach gewerblicher Nebenarbeit mit Recht verlangen, 
und für welche der Übergang zur Fabrik nicht ratfam erfcheint. In ihrem Inter 
effe, dann aber auch im Intereffe aller derjenigen, die vorausfichtlich trotz
	        
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