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VI. Kap.: Staatshilfe
follen alle Volksklaffen nach Kräften ihren Anteil beitragen. Die wirtfehaft-
liche Leiftungsfähigkeit des Volkes, feine Finanzkraft, feine Wehrkraft, be
ruhen auf dem Zufammenwirken der verfchicdenen Gruppen, nicht zuletzt
der Arbeiterfchaft. Die Arbeiter in gewiffen Elendsinduftrien find aber nicht
mehr fähig, die Volkskraft nach irgendeiner Richtung zu ftärken, eher ge
fährden fie diefelbe. Ein wirkfamer ftaatlicher Arbeiterfchutz muß ihnen zu
einer hohem phyfifchen und moralifchen Qualität verhelfen. Dann können fie
auch das ihre beitragen zum Wohl und Gedeihen des ganzen Volkes.
Wie fehr eine fchlecht ge ft eilte Hausinduftrie das Volkswohl
fchädigt und wie notwendig darum ein ftaatlicher Arbeiterfchutz ift, erkennt
man deutlich aus ihrer Stellung innerhalb der V o 1 k s w i r t f c h a f t, die
von Wilbrandt in folgenden Worten gut gefchildert wird: L ) „Die Heimarbeit
ift eine fchleichende, freffende Krankheit im Volkskörper. Sie |augt feine Kraft
aus, um fie in Warenform ins Ausland hinauszufchleudern. Sie hempit den
zweckmäßigen, arbeitfparenden Ausbau in der Produktion. Sie bewirkt Steige
rung der Konfumtion von technifch fchlecht, aber durch Heimarbeitslohndruck
billig hergeftellten Sachen und macht die Maffe der Heimarbeiterfchaft durch
die niedrigen Löhne konfumtionsunfähig für die nötigften Maffengüter.“
Wie die Heimarbeit unter Umftänden auf die übrige Induftrie wirken kann,
davon gibt wiederum Wilbrandt eine in der Form überaus fcharfe, aber den
Kern der Sache treffende Darftellung: * 2 ) „Die Heimarbeit ift dann (wenn fie
in einer Gegend neben der höher entlohnten Fabrikinduftrie vertreten ift)
hauptfächlich Nebenerwerb von Familienangehörigen, die von den in der Fabrik
Arbeitenden mit erhalten werden, und kann daher fogar infolgedeffen be-
fonders niedere Löhne haben. Die Hausinduftrie fchmarotzt dann parafitifch,
nach dem treffenden Wort der Webbs, an der Fabrikinduftrie, ebenfo wie die
auf Frauenarbeit gegründeten Fabriken meift fchmarotzen an den Induftrien
der zum Unterhalt ihrer Töchter oder Frauen beitragenden Männer. Wo aber
von einem ganz unzureichenden Lohn das Leben getriftet werden muß, weil
eben kein anderes Gewerbe da ift, an dem fchmarotzt werden könnte, da wird,
wieder nach dem Ausdruck der Webbs, die Induftrie parafitifch an ihren eignen
Arbeitern: fie faugt ihnen die Lebenskraft aus, fie zwingt fie, zu verkommen,
damit die Induftrie auf dem Umweg der Proftitution ihrer Arbeiterinnen zur
Ergänzung des Lohnes an andern Volkskreifen fchmarotzen könne, oder zu
verkümmern, damit die Induftrie blühe und der Kapitalismus gedeihe aus dem
Saft und der Lebenskraft ihrer welkenden Arbeiter.“
*) Arbeiterinnenfchutz und Heimarbeit 18.
2 ) ä. a. 0. 17.