Full text : Die deutsche Hausindustrie

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VI.  Kap.:  StaatshUfe

fchildert.  Die  amtliche  Feftfetzung  der  Mindeftlöhne  hat  die  Durchfchnitts-Iöhne
  im  allgemeinen  erhöht  und  ftabiler  gemacht,  während  gleichzeitig  die
Induftrie  fich  zu  höherer  Blüte  entwickelte.  Hier  foll  nun  nicht  unterfucht
  werden,  inwieweit  hierbei  auch  andere  Faktoren,  insbefondere  der  wirtfchaftliche
  Zufammenfchlufz  der  auftralifchen  Kolonial  ftaaten  im  Common
Wealth  (1901)  und  die  erhöhte  Schutzzollpolitik  wirkfam  gewefen  find.  Uns
intereffiert  insbefondere,  welche  Änderungen  in  der  Heimarbeit
durch  die  Mindeftlohnfeftfetzung  herbeigeführt  wurden.  Eine  alsbaldige  Folge
war  die  Abnahme  der  Heimarbeit  und  gleichzeitige  Zunahme  der  Fabrikarbeit.
Soweit  den  Infpektorenberichten  Zahlen  zu  entnehmen  find,  ftehen  1569
Heimarbeitern  im  Jahre  1896  912  im  Jahre  1907  gegenüber.  Vor  allem  war
die  Verfchiebung  in  der  Fabrikation  von  Herrenkleidern  auffallend.  1896
gab  es  hier  4270  Fabrikarbeiter  und  569  Heimarbeiter  (11,76  Prozent  der
gefamten  Arbeiterfchaft),  und  1907  6834  Fabrik-  und  152  Heimarbeiter
(2,2  Prozent).  Der  Übergang  von  der  Heimarbeit  zur  Fabrik  findet  feine
Erklärung  in  dem  Beftreben  der  Unternehmer,  die  Arbeit  in  der  Fabrik  zu
konzentrieren;  ftatt  der  Heimarbeit,  die  fie  jetzt  höher  entlohnen  mujzten,
ohne  entfprechende  Qualitätsverbefferung,  zogen  fie  die  Fabrikarbeit  vor,
die  mit  Hilfe  gefteigerter  Technik  beffere  und  preiswürdigere  Produkte  lieferte.
Die  Schriftfteller,  die  diefen  Übergang  zu  einer  hohem  Betriebsform  fchildern,
erblicken  darin  durchweg  einen  Fortfehritt,  und  er  ift  es  ohne  Zweifel,  falls
die  häusliche  und  perfönüche  Stellung  der  frühem  Heimarbeiter  ebenfogut
mit  der  Fabrikarbeit  vereinbar  ift  wie  ehedem  mit  der  Heimarbeit.
Um  die  Erhöhung  der  Heimarbeiterlöhne  zu  beweifen,  fehlt  es  zwar
in  Viktoria  an  einer  genauen  Lohnftatiftik.  Dafür  aber  liegen  um  fo  mehr
Berichte  über  eklatante  Einzelfälle  und  allgemeine  Feftftellungen  der  veränderten ­
  Lage  der  Heimarbeiter  feitens  amtlicher  und  privater  Berichterftatter
vor.T)  Gegen  das  Schwitzfyftem,  fo  erklärt  der  viktorianifche  Report,  haben
die  Lohnämter  zweifellos  genützt,  und  diefe  Tatfache  wird  ftets  für  das
Syftem  fprechen.  ln  Melbourne,  der  Hauptftadt  des  Landes,  ift  man  der
Meinung,  dafz  die  Heimarbeiter  heute  zu  denfelben  Bedingungen  arbeiten
wie  die  Fabrikarbeiter.
ln  der  Bekleidungsinduftrie  herrfchte  zur  Zeit  des  freien  Arbeitsvertrags
ein  Schwitzfyftem,  das  nur  den  Zuftänden  in  den  ärmften  Vierteln  im  Oftende
Londons  vergleichbar  war.  Grofze  Warenhäufer  vergaben  die  Arbeit  an
Zwifchenmeifter,  für  welche  Frauen  und  Mädchen  zu  Haufe  70  bis  84  Stunden
x )  Nach  Bo  ch  ringer  (a.  a.  O.),  der  fich  auf  die  amtlichen  Berichte  der
Gewerbeinfpektion  und  der  Königlichen  Kommiffion  ftützt.
            
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