Full text : Die deutsche Hausindustrie

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VI.  Kap.:  Staatshilfe

an  den  gefamten  Produktions-  und  Vertriebskoften,  m.  a.  W.  am  Detailpreife
  ift,  um  fo  weniger  macht  fich  eine  Lohnerhöhung  im  Prei|e  fühlbar.
In  einer  unferer  wichtigften  Hausinduftrien,  dem  Bekleidungsgewerbe,  würde
durchfchnittlich  eine  Lohnerhöhung  von  25  Prozent  eine  Preiserhöhung  von
2  bis  5  Prozent  nach  fich  ziehen,  die  der  Konfum  leicht  tragen  könnte.  Wo
der  Lohn  dagegen  einen  hohen  Anteil  am  Verkaufswerte  ausmacht,  wie  in
der  Stickerei  und  Spitzeninduftrie,  wo  der  Lohn  50  bis  70  Prozent  des  Preifes
beträgt,  wird  eine  Lohnerhöhung  von  Bedeutung  auch  tatfächlich  im  Preife
zum  Ausdruck  kommen.  —  Das  kaufende  Publikum  verhält  fich  nun  zu
einer  Preiserhöhung  ganz  verfchieden.  Wo  es  fich  um  beffere  Waren  oder  gar
Luxusartikel  handelt,  ift  eine  Abwälzung  des  hohem  Preifes  auf  die  Konfumenten
  nicht  fchwer,  die  hier  durchweg  den  wohlhabenden  Kreifen  angehören.
  Nicht  fo  leicht  gewöhnen  (ich  die  mittlern  und  untern  Volksfchichten
an  höhere  Preife,  ja  fie  werden  fich  vielleicht,  anftatt  höhere  Preife  zu
zahlen,  wenigftens  eine  Zeitlang  mit  geringem  Qualitäten  begnügen,  ln  einer
auffteigenden  Volkswirtfchaft,  wie  wir  fie  in  Deutfchland  haben,  ift  jedoch
in  den  letzten  20  Jahren  die  Kaufkraft  der  Bevölkerung  in  allen  Kreifen  fo
geftiegen,  dafz  fie  eine  Verteuerung  des  Lebensunterhalts  ohne  dauernde
Einfchränkung  des  Konfums  getragen  hat.  Zudem  ift  zu  bemerken,  dafz
auch  die  ärmern  Volksfchichten  eine  Verteuerung  von  Hausinduftrieerzeugniffen
  (Kleidung)  viel  leichter  ertragen  können  als  etwa  eine  Herauffetzung
der  Miete  oder  der  Nahrungsmittelpreife,  da  jene  im  Vergleich  zu  diefen  eine
recht  geringe  Quote  des  Haushaltsbudgets  ausmachen.  —  Nicht  zu  leugnen  ift
jedoch,  dafz  bei  Preisfteigerungen  in  manchen  Artikeln  auch  ein  direkter
Rückgang  des  Konfums  eintreten  kann.  Gewiffe  Artikel  werden  eben  nur
fo  maffenhaft  gekauft,  weil  fie  fo  billig  find.
Es  wäre  indes  nicht  einmal  immer  nötig,  den  hohem  Lohn  in  Geftalt  höherer
Preife  auf  die  Käufer  abzuwälzen.  Die  Lohnfteigerung  kann  auch  durch
einen  verringerten  Gewinn  des  Zwifchenhandels  ausgeglichen  werden.  Die
Spannung  zwifchen  Engrosverkaufspreifen  und  Ladenpreifen  ift  bei  Heimarbeitsprodukten ­
  oft  fo  auffallend  grofz,  dafz  eine  Verringerung  des  Handelsgewinns, ­
  die  dazu  noch  recht  unbedeutend  ift,  nicht  als  unbillige  Forderung
erfcheint,  Auch  hierfür  ift  die  Berliner  Ausftellung  reich  an  Belegen.  Eine
Perlftickerin  auf  dem  Speffart  *)  verdient  an  einem  Blufeneinfatz  40  Pf.,  in
der  Stunde  13  Pf.  Der  Engrospreis  für  das  Produkt  beträgt  2  M.,  der  Ladenpreis ­
  4  M.,  im  Zwifchenhandel  bleiben  alfo  2  M.  hängen.  Wenn  nun  der
Stundenlohn  um  6%  Pf.  =  50  Prozent  erhöht  würde,  und  die  infolgedeffen

*)  Deutfche  Heimarbeitausftellung  224.
            
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