204
VII. Kap.: Sclbfthilfe
und dem Hausarbeitgefetz von 1911. Freilich ift gerade die Forderung, auf die
von jeher am meiften Gewicht gelegt wurde, nur halb erfüllt: ftatt der Lohnämter
bringt das Gefetz nur Fachausfchüffe.
Der Gewerk verein der Heimarbeiterinnen Deutfchlands hat in feiner
Wirkfamkeit die Erwartungen von Freund und Feind weit übertroffen. Er
hat einem nicht unerheblichen Teil der weiblichen Heimarbeiterfchafteine merkbare
Befferung der Lebensverbältniffe gebracht und in manch freudlofes
Dafein einen Strahl berechtigter Hoffnung auf eine beffere Zukunft geworfen:
er hat eine obere Schicht einer bish r in dumpfer Refignation dahinlebenden
Arbeiterfchaft zufammengeführt, die jetzt zielbewufzt ihre Standesintereffen
vor der Öffentlichkeit vertritt. Der Gewerkverein hat eine wirkliche Heimarbeiterinnenbewegung
ins Leben gerufen, die auf die wirtfchaftliche Entwicklung
der Heimarbeit, namentlich auch auf die Gefetzgebung nicht ohne Einflujz
geblieben ift.
Trotzdem möchte man, vor allem in fozialdemokratifchen Kreifen, dem
Gewerkverein innerhalb der modernen Gewerkfchaftsbewegung einen ehrenvollen
Platz nicht einräumen. Nun ift ja nicht wegzuleugnen, dajz das Vorgehen
des Gewerkvereins der Heimarbeiterinnen nicht in dem rafchen Tempo
und ftrammen Schritt der männlichen Gewerkfchaftsbataillone erfolgt ift.
Seine Verfammlungen, Verhandlungen und Einrichtungen tragen nicht immer
rein gewerkfchaftlichen'Charakter, fie fuchen auch dem menfchlichen und
fraulichen Moment in etwa Rechnung zu tragen. Und das ift durchaus begründet
in der Eigenart der Frau und Heimarbeiterin, die bis dahin dem modernen
Organifationsleben ganz ferne ftand. Diefe Rückfichtnahme ift auch nicht zu
vergeffen für zwei wichtige Befonderheiten im Gewerkverein der Heimarbeiterinnen
: die Mitwirkung aufzerberuflicher Kräfte und die refervierte
Stellungnahme zum Streik.
Die Mitarbeit der Frauen anderer Stände, die bei der
Neugründung ebenfo wie bei der Weiterentwicklung und Ausdehnung des
Gewerkvereins der Heimarbeiterinnen von durch fchlagender Bedeutung war,
ift etwas Eigenartiges in diefem Gewerkverein, ja für den echten Gewerkfchaftler
etwas Fremdartiges Die Gewerkfchaftsbewegung legt fonft überall auf die
Berufszugehörigkeit ihrer Führer und Vorftandsmitglieder und auf Selbftändigkeit
nach jeder Richtung das gröjzte Gewicht, und fie hat mit diefem Grundfatze
die beften Erfahrungen gemacht. Die anfänglich an feiner Richtigkeit
zweifelten, erkennen jetzt an, da|z in den Köpfen der Arbeiterführer mehr
Klugheit und Scharffinn fteckt, als man früher ahnte.
Diefer Grundfatz mufz]jedoch bei der Organifation der Heimarbeiter, zu