§ 1. Gewerkvereine
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Zufchlag zu hauswirtfchaftlichen Kurfen. Zur beruflichen Förderung der
Mitglieder durch Aus- und Fortbildungskurfe kann der Vorftand der Berufs
organisation Zufchüffe feftfetzen. Nähmafchinen erhalten die Mitglieder mit
20 bis 25 Prozent Preisermäßigung.
Die Sekretariate des Gefamtverbandes — die Tätigkeit des Verbandes kann
hier nicht von derjenigen der Berufsorganisation gefchieden werden — find
fämtlich damit befchäftigt, Arbeit an Heimarbeiterinnen zu vermitteln. So
gelang es im Eichsfeld und in Schlefien, im Jahre 1911 etwa 200 Arbeiterinnen
Befchäftigung nachzuweifen. Im gleichen Jahre wurde eine Berliner Herren-
wäfchefabrik veranlagt, in einem Orte Schlefiens eine Werkftube einzurichten,
in der Heimarbeiterinnen angelernt werden follten. Das Unternehmen fcheiterte
an verfchiedenen Schwierigkeiten, die vorwiegend in der perfönlichen Quali
fikation der Leiterin lagen. Mit mehr Glück arbeitet die feit März 1912 in Breslau
be(tehende Zentralftelle für Heimarbeitvermittlung. Sie will — ähnlich wie die
Betriebswerkftätten des chriftlichen Gewerkvereins — Heimarbeit von Gefchäfts-
firmen an Näherinnen vermitteln, wobei das Einrichten und Zufchneiden
der Arbeit zumeift von der Zentralftelle beforgt wird; zugleich will fie unge
übten und wenig geübten Näherinnen Gelegenheit geben, fich unter fachgemäßer
Anleitung weiter auszubilden und zu vervollkommnen. Zur Beftreitung der
entstehenden Unkoften übernimmt die Zentralftelle direkte Aufträge für eigne
Rechnung. Das Unternehmen hat rafch das Vertrauen mehrerer großer Firmen
und auch der ftädtifchen Behörde gewonnen, wie verfchiedene bedeutende
Aufträge dartun. — Der Verband ift überhaupt bemüht, die Arbeitsfertigkeit
der Heimarbeiterinnen durch Lehrkurfe zu heben. So fand in Berlin ein Kurfus
in Tüllftickerei ftatt, in Leobfchütz ein Klöppel- und Spitzennähkurfus, in
andern Orten Kurfe im Wäfchenähen, Zufchneiden, Schnittzeichnen u. a.
Mehrfach ift es dem Verbände geglückt, Lohnerhöhungen für die Heim
arbeiterinnen zu erlangen, fo bei den Lohnbewegungen im Reichenbacher,
Freiburger und Landeshuter Textilrevier. Eine kräftige Hebung des Heim
arbeiterinnen ftandes bedeutet auch die religiös-fittliche, foziale und allgemein
bildende Schulung, die das Programm der Vereinsfitzungen und der 14tägig
erfcheinenden Verbandszeitung „Frauenarbeit“ bildet.
Staatlicher Arbeiterfchutz als durchgreifendes Mittel einer Heimarbeit
reform wurde vom Verbände öfter in Verfammlungen, durch Refolutionen
und Petitionen (zum Teil im Verein mit andern Verbänden) energifch gefordert,
Einen wichtigen Programmpunkt bildete dabei ftets die Forderung von Lohn
ämtern mit gefetzlich erzwingbaren Mineftlohnfätzen. x )
*) Vgl. Anna Schmidt, Heimarbeit und Lohnfrage, Jena 1909-