Full text : Die deutsche Hausindustrie

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VIII.  Kap.:  Hilfe  von  außenftehenden  Kreifen

der  Lage  hauptsächlich  den  Handelsangefteilten,  in  geringerm  Maße  nur
den  im  Herftellungsprozeß  weit  zurückliegenden  Heimarbeitern  zu  fallen.
Die  Hauptkraft  der  Käuferbünde  fcheint  in  der  Erziehung  des  kaufenden
Publikums  zur  Konfumentenmoralzu  liegen.  Hier  find  eher  größere
Erfolge  zu  erhoffen.  Freilich  wird  es  fchwer  halten,  das  weithin  die  Käuferwelt ­
  beherrfchende  Prinzip,  immer  nur  das  Billigfte  zu  kaufen,  durch  foziale
Rückfichten  zu  überwinden.  Das  Billige  ift  meiftens  von  geringer  Qualität,
und  geringe  Qualität  der  Ware  liegt  weder  im  Intereffe  des  Käufers  noch
des  Herftellers.  Der  auffällige  Zufammenhang  von  geringer  Qualität  und
Schlechter  Entlohnung  der  Herftellung,  namentlich  in  der  Heimarbeit,  ift
bekannt  und  ift  namentlich  in  der  Bekleidungsindustrie  deutlich  nachweisbar.
Mit  Bezug  auf  diefe  fagt  daher  Friedrich  Naumann: 1 )  „Der  Hintergrund
des  jetzigen  Modefyftems  (fich  mit  billiger  und  geringwertiger  Ware  zu  begnügen), ­
  ift  die  Not  der  Heimarbeiterinnen.  Und  wenn  auch  zugeftanden  werden
muß,  daß  es  keine  Möglichkeit  gibt,  fchnell  von  diefem  Syftem  zu  einem
andern  überzugehen,  fo  ift  es  doch  Pflicht  aller  denkenden  Frauen,  nicht
ihre  Kleidungsausgabe  an  fich  zu  verringern,  aber  in  der  Veran’agung  den
geringen  Alltagskram  möglichft  zu  vermeiden,  um  damit  den  allgemeinen
Zwang  zu  mindern,  den  eine  falfche  Methode  heute  den  Frauen  aller  Schichten
auferiegt,  und  der  den  Kaufmann,  den  Unternehmer  und  vor  allem  die  Arbeiter ­
  und  Arbeiterinnen  herabdrückt.“  Diefe  Mahnung  gilt  vor  allem  den  wenig
wohlhabenden  Leuten,  die  mit  dem  Pfennig  zu  rechnen  haben.  Aber  auch  bei
ihnen  dürfte  die  Erkenntnis  allmählich  durchdringen,  dafz  fie  beim  Verlaffen
des  bisherigen  Syftems  felbft  den  größten  Gewinn  haben.
Ein  wichtiges  Kapitel  der  Konfumentenmoral  handelt  vom  pünktlichen
Bezah'en  der  Rechnungen,  vom  frühzeitigen  Einkäufen  und  rechtzeitigen
Beftellen.  Dafz  die  entgegenftehenden  Gewohnheiten  vielfach  fchuld  find  an
fchlechter  Entlohnung  und  übermäßiger  Ermüdung  und  Abhetzung  der  Heimarbeiter, ­
  wird  nicht  bedacht.  Nur  Gedankenlofigkeit  in  der  Käuferwelt,  nicht
fchlechter  Wille,  ift  dafür  haftbar  zu  machen.  Denn  man  findet  diefe  Gewohnheit ­
  ebenfo  feft  eingewurzelt  bei  den  Konfumenten  der  untern  Stände,
die  den  Heimarbeitern  fözial  naheftehen,  als  bei  den  Männern  und  Frauen
der  gefellfchaftlichen  Oberfchicht,  deren  Wohltätigkeitsdrang  fich  nach  andern
Richtungen  nicht  zu  erfchöpfen  weiß.  Gedankenlofigkeit  aber  kann  nur  durch
beftändige  eindringliche  Aufklärung  bekämpft  werden.  Und  das  ift  die  Arbeit
des  Käuferbundes.

‘)  Neudeutfche  Wirtfchaftspolitik,  Berlin  1906,  !  10.
            
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