§ 3. Bereitftellung von Kapital und motorifcher Kraft
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Wie weit die Oberflächlichkeit der Käuferwelt gehen kann und welch
fchlimme Folgen fie zeitigt, haben die B 1 u m e n t a g e der letzten Jahre
in grellem Lichte gezeigt. Selbft folche Kreife, in denen längft ein ehrlicher
Wohltätigkeitsfinn fich eingebürgert hat, ftehen der Not der Heimarbeiterinnen
verftändnislos gegenüber. Während das Blumentagskomitee nach der einen
Seite durch beträchtliche Spenden einer großen Not fteuerte oder einem vater-
ländifchen Zwecke diente, nutzte es nach der andern Seite in unbegreiflicher
Kurzfichtigkeit die Not der Blumenmacherinnen durch unwürdig niedrige
Löhne aus. Für das Gros der Margariten- oder Kornblumen erhielt die Heim
arbeiterin oft nur 5, 6 oder 8 Pf. Lohn, und fie konnte bei großer Gefchick-
iichkeit erft in zwei Stunden ein Gros anfertigen; die Einberufer des Blumentags
wirkten zuweilen noch auf die Firmen ein, um die Blumen außergewöhnlich
billig zu bekommen. Nur völlige Unkenntnis über die Zufammenhänge von
Arbeit, Lohn und Not konnte fo handeln. Sobald ein Komitee über die Schäd
lichkeit feines Verfahrens aufgeklärt war, traf es mit den Firmen Vereinbarungen,
daß den Blumenmacherinnen gute Löhne gezahlt wurden. x )
Ein neues eklatantes Beifpiel, wie notwendig in allen Schichten der Gefell-
fchaft die Aufklärung über foziale Käuferpflichten ift, und wieviel fie erreichen
kann!
§ 3. Bereitftellung von Kapital und motorifcher Kraft.
Errichtung von Fachfchulen und Lehrwerkftätten
Unmittelbarer als durch die gefchilderten Veranftaltungen greift die foziale
Hilfe ein, wenn fie Kapital, technifche Betriebsmittel, Ausbildung und Fort
bildung fchafft. Diefe Hilfe kann gegeben werden, nur um eine an fich ver
lorene Hausinduftrie inftand zu fetzen, ihren Arbeitern wenigftens das Not-
wendigfte zu gewähren. Es liegt dann ein Akt der Wohltätigkeit vor. Sie ift
am Platze, wo es gilt, dem Übergang zu andern Berufen möglich ft die Härten
zu nehmen, den in der Heimarbeit groß Gewordenen aus ihr ein Auskommen
zu fichern. Vom fozialpolitifchen Standpunkte bedeutend höher anzufchlagen
ift die Hilfe Außenftehender, die das Gewerbe felbft wieder lebensfähig machen
will. Sie will ihrerfeits nur über eine Krifis hinweghelfen, wohl auch noch
technifche Hilfsmittel zugänglich machen, im übrigen aber foll die Haus
induftrie möglichft auf die eigne Kraft geftellt werden.
Zur erften Gruppe gehört das in Reinerz in Schlefien errichtete Zen-
tralbureau der Hausinduftrieorganifation für Hand-
*) Vgl. „Heimarbeiterin“ Juni 1911; E. Onauck - Kühne im „Tag“ vom
.15. Juni und 11. Juli 1911; ferner in den „Sozialen Studentenblättern“ 1912, 172 ff.