Full text: Die deutsche Hausindustrie

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1. Kap.: Begriff und Einteilung der Hausinduftrie 
beginnt ein langes Feilfchen, bis fchliefzlich die Waren an den Meiftbietenden 
losgefchlagen werden. Vgl. A. I r m e r, Das Magazinfyftem in der Breslau r 
Möbeltifchlerei, Schriften des Vereins für Sozialpolitik (Sehr. d. V. f. S.) 84, 
452 ff. — Geht dagegen der Arbeiter mit feinen zu Haufe maffenhaft her- 
geteilten Waren haufieren und fetzt fie direkt an die Konfumenten 
ab, fo ift er nach dem aufgeftellten Begriff kein Hausinduftrieller. Die Zahl 
diefer „Heimarbeiter“ ift nicht fo grofz und ihre Lage keine fo troftlofe, zumal 
wenn der Haufierhandel genoffenfchaftlich organifiert ift. 
Dies ift der geringfte Grad von Abhängigkeit, aber auch er reicht hin, die 
Selbftändigkeit des Arbeiters zu mindern, da Preife, Umfang und Richtung 
der Produktion fchon ganz von dem Verleger, zumal wenn er der einzige Ab 
nehmer ift, beeinflußt werden. Auch die dem Handwerk fo vielfach nach- 
gerühmte Individualität in der Produktion geht verloren, da der Hausinduftrielle 
nur nach den vom Verleger vorgelegten Muftern oder nach allgemein feft- 
ftehenden Typen Dutzendware und Maffenartikel herftellen mufz. 
2. Häufig ift der Hausinduftrielle nicht im Befitze von foviel Geld, daß 
er fich ftets mit genügendem Rohftoff verfehen kann, er kennt auch die Markt- 
verhältniffe und Bezugsquellen nicht fo gut, feitdem der Verleger ausfchließ- 
lich den Marktverkehr beforgt, und erläfzt fich den Rohftoff vom 
Verleger liefern, der dann Stücklohn zahlt. Der Hausinduftrielle ift 
dann fchon in größere Abhängigkeit geraten: er verkauft nur mehr A r b e i t s- 
leiftungen, während er in dem zuerft angegebenen Verhältnis Arbeits 
produkte verkaufte, er ift nur mehr Lohnarbeiter, während er früher in 
gewiffem Sinne auch noch Warenverkäufer war, weshalb man diefes Syftem 
wohl Lohnfyftem im Gegenfatz zu dem frühem genannt hat, das man 
paffend als K a u f f y f t e m bezeichnet. 
3. Der Verleger liefert nicht bloß den Rohftoff, fondern ift auch Eigen 
tümer der vorzüglichften Werkzeuge, namentlich der 
Mafchinen, die im häuslichen Kleinbetrieb anwendbar find. So ift es eine nicht 
feltene Erfcheinung, daß Webftuhl, Stickmafchine, Nähmafchine dem Ver 
leger gehören, für die der Arbeiter einen Mietzins entrichten mufz. Die Un- 
felbftändigkeit des Hausinduftriellen ift dadurch noch größer, feine wirtfehaft- 
liche und foziale Lage fchlechter geworden. Denn jeder Eigenbefitz hebt die 
Menfchen und gibt ihnen höherftehende technifche und moralifche Eigen- 
fchaften; wird ja gewöhnlich auch im Handwerk und in der Fabrik beobachtet, 
dafz die Arbeiter etwas höher ftehen, die gewohnheitsmäßig felbft im Befitz 
eines Werkzeugapparats find. 1 ) 
') Vgl. 0. S c h m o 1 I e r, Die gefchichtliche Entwicklung der Unternehmung, in 
Schmollers Jahrbuch XIV (1890).
	        
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