Full text: Die deutsche Hausindustrie

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VIII. Kap.: Hilfe von außenftehenden Kreifen 
Aber diefe Ausgabe glich fich reichlich aus durch die wirklich gefteigerte Pro 
duktivkraft, durch die verbefferte Qualität der Ware und die Erleichterung 
der ganzen, früher fehr befchwerlichen Arbeit, die jetzt von den Leuten felbft 
„pläfierlich“ genannt wird. Das alte, der Hausinduftrie anhaftende Übel, 
daß fie wegen Ifolierung der Arbeiter gegen elende Löhne befchäftigt wird, 
war durch die Einführung mechanifcher Kraft aber noch nicht gehoben. 
Es wurde nun be fertigt, indem die meiften Anrather Weber dem damals fchon 
feit einem Jahrzehnt im Bergifchen begehenden Verbände von Bandwirker- 
meiftern beitraten, der mit den Unternehmern einen Mindeftlohntarif 
vereinbart hat. Eine andere Gefahr, die ebenfo alt ift wie die Hausinduftrie, 
daß die Arbeiter in der Hochfaifon durch übermäßige Arbeitszeit ausgebeutet 
werden, war befeitigt durch die behördliche Vorfchrift einer 11 ftündigen 
Maximalarbeitszeit, die in dem kleinen Orte, wo der Schein des 
elektrifchen Lichtes und das Klappern des mechanifchen Webftuhls jede Über 
tretung alsbald verrät, von der Polizei leicht kontrolliert werden kann. Aber 
felbft wenn diefe beiden Kautelen des MindeftlohntarifsundderMaximalarbeits- 
zeit getroffen find, bleibt noch immer die Gefahr der Arbeitslofigkeit für mehrere 
Monate, fowie das Rifiko, das die Arbeiter mit Befchaffung des teuren Webftuhls 
übernommen haben und das eigentlich billigerweife der Kapitalift tragen follte. 
Einen Rückgang in der Seidenbandweberei bekam denn auch die Hausarbeit 
am empfindlichften zu fpüren. Bis 1908 war die Hausweberei in Anrath ftets 
lohnend befchäftigt, fo daß viele Bandwirker fich neben der Deckung der 
Koften für die elektromechanifchen Einrichtungen noch Erfparniffe verfchaffen 
konnten. Da wurde die Mode dem Seidenband untreu und ift es geblieben bis 
heute. Für die häusliche Seidenbandweberei trat eine Flaue ein, die nur in 
kürzern Zeitabfchnitten durch eine Vollbefchäftigung aller Bandwirker unter 
brochen wurde. Die neuen technifchen Einrichtungen waren für viele totes 
Kapital. Die Zahl der befchäftigten Bandftühle ging von etwa 200 auf 90 zurück, 
und nach den Ausfagen des jetzigen Bürgermeifters von Anrath ift zu fürchten, 
daß der bisherige Rückgang noch weiter zunimmt. So find die Hoffnungen, 
die man in der erften Zeit berechtigterweife an die Einführung der Elektrizität 
knüpfte, nicht in Erfüllung gegangen. Der ganze Hergang in Anrath beweift, 
wie fehr bei Einführung der Elektrizität in die Heimarbeit auf die Zukunft 
des Gewerbes und auf das Rifiko, das die hausgewerblichen Produzenten 
eingehen, Bedacht zu nehmen ift. 
Bedeutend günftiger find die Ergebniffe bei Anwendung elektrifcher Kraft 
auf dem füdlichen Schwarzwald (Hotzenwald). *) Dort handelte 
‘) Vgl. B i 11 m a n n, Hausinduftrie und Heimarbeit im Gro|zherzogtum Baden 
.1907, 238—288.
	        
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