Full text : Die deutsche Hausindustrie

§  3.  Bereitftellung  von  Kapital  und  motorifcher  Kraft

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findet  fich  z.  B.  auch  in  der  niederrheinifchen  Textilinduftrie,  in  der  Nagelfchmiederei
  auf  dem  Taunus  und  im  Kreife  Schmalkalden.  Hier  wird  den
Naglerföhnen  auf  Betreiben  des  Landrats  durch  Stipendien  bis  zu  400  M.
jährlich  der  Befuch  einer  Königlichen  Fachfchule  für  die  Kleineifen-  und
Stahlwareninduftrie  ermöglicht,  (o  dafz  fic  als  gelernte  Metallarbeiter  ihr  Auskommen ­
  finden  können. 1 )
Es  wäre  aber  verfehlt,  jede  Heimarbeit  bedingungslos  austilgen  zu  wollen,
auch  wo  fie  noch  durchaus  lebensfähig  ift.  Soll  fie  dies  jedoch  fein  und  bleiben,
fo  mufz  fie  mit  verbefferten  Methoden  und  Hilfsmitteln  der  Neuzeit  ausgerüftet
fein.  Hier  bietet  fich  ein  dankbares  Feld  fozialer  Hilfstätigkeit.  Zu  diefen  Begebungen ­
  ift  derVereinzur  Hebungder  Drechfler-Hausinduftrie
  im  Herzogtum  Gotha  in  Gotha  zu  zählen.  Unter
dem  Vorfitze  des  verdienten  Gründers  und  Leiters  des  Thüringer  Webervereins,
Kommerzienrats  Carl  Grübe  1,  erftrebt  er,  das  Drechfler-Hausgewerbe
durch  Einführung  neuer,  gangbarer  und  lohnender  Artikel,  durch  Beihilfen
zu  Motoren  ufw.  zu  kräftigen  und  zu  heben.  Ein  ähnlicher  Vorgang  vollzieht
fich  im  benachbarten  Hohenfteiner  Weberverein,  der  binnen  15  bis  20  Jahren
die  Handweberei  völlig  durch  mechanifche  mit  Motorantrieb  zu  erfetzen  hofft.
1913  waren  noch  60  Prozent  Handweber  befchäftigt.  Doch  ift  diefer  Verein
gänzlich  auf  die  eigne  Kraft  der  Heimarbeiter  angewiefen.
Für  verfchiedene  Unternehmungen  ift  das  Vorhandenfein  und  die  Bereitftellung
  elektrifcher  Kraft  von  größter  Bedeutung.  Einer  der  bekannteren ­
  Verfuche,  durch  Zuführung  elektrifcher  Kraft  die  eigentliche
produktive  Arbeit  leiftungsfähiger  zu  machen,  wurde  in  der  Seidenbandweberei ­
  in  Anrath  bei  Crefeld  gemacht.  Der  Abfatz  liegt
nach  wie  vor  in  den  Händen  der  Crefelder  Fabrikanten,  für  die  in  Anrath
gewebt  wird. *  2 )  Die  Bewohner  des  Dorfes,  in  welchem  keine  Fabrik
profperieren  wollte,  waren  bis  vor  kurzem  bei  der  hausinduftriellen  Handweberei ­
  geblieben  und  von  Jahr  zu  Jahr  in  ein  wahres  „Weberelend“  immer
tiefer  hineingeraten.  Die  Gemeinde  verarmte  derartig,  dafz  auch  Geldzufchüffe
  von  Kreis  und  Provinz  den  Kommunaletat  nicht  ins  Gleichgewicht
bringen  konnten.  Da  fchuf  der  neue  Bürgermeifter  ein  Elektrizitätswerk
und  ermöglichte  es  fo  den  Webern,  zu  Haufe  modern  mechanifch  zu  produzieren.
Die  Geldfummezudiefem  Unternehmen  liehen  Staat  und  Provinz  gegen  3  Prozent
Verzinfung  und  1  Prozent  Amortifationsquote.  Freilich  mufzten  auch  die
Hausweber,  welche  die  elektrifche  Kraft  benutzen  wollten,  ein  Kapital  von
1200  bis  1300  M.  verzinfen,  um  fich  einen  modernen  Bandwebftuhl  zu  befchaffen.

*)  Vgl.  M.  Weber,  Die  Nagelfchmiederei  bei  Arndt,  Die  Heimarbeit  11.
2 )  W  i  1  b  r  a  n  d  t,  Die  Weber  95  ff.
            
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