§ 3. Bereitstellung von Kapital und motori[eher Kraft
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Die Frage nach dem Vorteil der Elektrizität wird nach zwei Richtungen
hin geftellt: ob die Elektrizität geeignet ift, die Hausinduftrie zu erhalten,
und ob fie den Hausarbeitern eine beffere foziale Lage bringt. Will man die
Heimarbeit erhalten, fo wird man ihr auch das erhalten müffen, was fie dem
Fabrikanten wünfehenswert macht: die Möglichkeit, fich der Konjunktur in
weitem Mafze anzupaffen. Mujz die Heimarbeit unter genau denfelben Beding
ungen arbeiten wie die zentralifierte Fabrikarbeit, fo wird fie, obfehon durch
Kraftbetrieb technifch ebenbürtig, ebenfowenig mit diefer in ausfichtsvollen
Wettbewerb treten können wie der Heimarbeiter des 18. Jahrhunderts mit
der Manufaktur. v ) Das Prinzip der Arbeitsteilung und Arbeitszerlegung, das
in der Fabrik mit viel mehr Erfolg durchgeführt werden kann als in der
dezentralifierten Hausarbeit, die Möglichkeit einer feinen Organifation der
Arbeit, gibt der Fabrik ftets einen ungeheuren Vorfprung gegenüber der Haus
induftrie. — Zweifellos hat indes die Einführung elektrifcher Kraft die Auf-
löfung der Heiminduftrie vielfach aufgehalten und felbft zurückgedrängt.
Auch die Lebenshaltung der Hausarbeiter ift infolge der technifchen Er
leichterung nicht feiten gehoben worden. Da|z etwaigen fozialpolitifchen Ge
fahren durch Lohnfeftfetzungen am beften begegnet wird, wurde bereits
dargelegt. Ein Übclftand ift jedoch ftets das durch Kapitalaufwand erhöhte
Rifiko der Hausarbeiter.
Eine weitere wichtige Hilfe findet die Heimarbeit durch die E r r i c h t u ng
von Fachfchulen und Lehrwerkftätten feitens der Behörden
oder Privater. * 2 ) Zum Teil dienen fie der EinführungneuerArbeits-
zweige, fo die Aktion zur Einführung der Korbmacherei anftatt der zurück
gegangenen Knopfhäkelei im Kreife Rybnik in Schlefien auf Anregung der
Regierung. Der Herzog von Ratibor pflanzte Weiden an und ftellte das Gebäude
für eine Lehrwerkftätte zur Verfügung. Die ebenfalls zur Einführung der
Korbflechterei 1882 begründete Korbflechtfchule zu Grävenwiesbach auf dem
Taunus erhält einen jährlichen Staatszufchu|z von 5000 M. zu den Einkünften
aus dem Warenverkauf. Bei allen Neueinführungen und Begünftigungen
von Hausinduftrien ift jedoch ftets zu bedenken, da|z den alten wefent-
lichen Gefahren der Hausinduftrie von vornherein durch Lohn
tarife und ähnliche Feftfetzungen vorgebeugt werden mu|z.
Die meiften Beftrebungen diefer Art gelten jedoch der Hebung und
Veredlung bereits beftehender Hausinduftrien. Eine
*) Vgl. L e w i n s k i, Elektromotoren und Hausinduftrie, in Zeitfchrift für die
gefamte Staatswiffenfchaft von K. Bücher (1909) 483—489-
2 ) Vgl. die Angaben bei Bittmann in Hausinduftriepflege, Wien 1909-