§ I. Verteilung der Hausinduftrie
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Was endlich praktifch am fchwerften gegen die Durchführung des Bücher-
fchen Wunfches ins Gewicht fällt, ift die Schwierigkeit, ja Unmöglich,
keit, für die Schilderung der Abfatzverhältniffe zu-
verläffiges Material zu befchaffen. Mit Recht fagt Prof.
Arndt, 1 ) der fich von demselben Vorwurf Büchers zu reinigen fucht, wie der
Verfaffer diefer Schrift: „In den weitaus meiften Fällen wären ein Einblick
in die Organifation des Abfatzes der Heimarbeitprodukte und eine Berech-
nung des Verdienftes des Verlegers nur durch ein Eindringen in private Be-
triebsgeheimniffe zu erlangen gewefen, deren Preisgabe wir den beteiligten
Unternehmern unmöglich zumuten konnten. Wo gäbe es Kaufleute oder
Induftrielle, die wifzbegierigen Sozialpolitikern geftatteten, an der Hand ihrer
Bücher ihren gerade erzielten Verdienft genau nachzurechnen und die Ergeb-
niffe der Berechnung zu veröffentlichen?“
§ 1. Verteilung der Hausinduftrie auf die verfchiedenen
Gefchlechter und Altersftufen
Von grundlegender Bedeutung für das Urteil über die foziale Lage der
Heimarbeiter wäre eine möglichft vollkommene morphologifche Darftellung
der Heimarbeiterfchaft, die uns über Alter, Gefchlecht, Herkunft, Stellung
in der Familie genau unterrichtete. Wenn wir nun auch nicht eine fo eingehende
Schilderung der morphologifchen Verhältniffe in der Hausinduftrie befitzen,
wie fie z. B. das belgifche Arbeitsminifterium für die belgifche Hausinduftrie
herausgegeben hat, * 2 ) fo bieten doch die Berufszählung und andere zuverläffige
Erhebungen Material genug, um über die wichtigften typifchen Erfcheinungen
in der Hausinduftrie, wie Frauen-, Greifen-, Kinderarbeit,
fich ein Bild zu verfchaffen.
Die Frau ift an der Hausinduftrie ungewöhnlich ftark beteiligt, in viel
höherm Grade als an der Erwerbsarbeit überhaupt. 3 ) Während der weibliche
Verhältnisanteil an der Erwerbstätigkeit überhaupt nur 20 Prozent beträgt,
beläuft er fich auf 58 Prozent der Hausinduftriellen. Bei der vorletzten Zäh
lung (1895) war der Anteil der Frauen an der Hausinduftrie noch nicht fo
grofz: 45,14 Prozent der Hausinduftriellen waren damals weiblich. Die Ab
') P. Arndt, Die Heimarbeit im rheinifch-mainifchen Wirtfchaftsgebiet II,
Vorwort S. VII—VIII.
2 ) Les industries ä domicile en Belgique. Vol. X. Etüde statistique des familles
ouvrieres comprenant des ouvriers ä domicile. Bruxelles 1909-
3 ) Vgl. Sf.atiftik des Deutfchen Reiches, Bd. III, 202, 213; H. Simon, Der
Anteil der Frau an der deutfchen Induftrie, Jena 1910; J. Pierftorff, Art. „Weib
liche Arbeit und Frauenfrage" im Handwörterbuch der Staatswiffenfchaften VIII 3 .
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