Full text : Die deutsche Hausindustrie

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IV.  Kap.:  Wirtfchaftliche  und  foziale  Zuftände  in  der  Hausinduftrie

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kommensquote  zu  Wohnzwecken  gegenüberftehen.  machen  eine  ausreichende
Ernährung  in  den  meiften  Fällen  ganz  unmöglich.  *)  Der  Vers,  der  in  dem  ftark
hausinduftriellen  Meininger  Oberland  gefungen  wird:  „Kartoffeln  in  der  Früh
—  zu  Mittag  in  der  Brüh  —  des  Abends  mit|amt  dem  Kleid  —  Kartoffeln  in
Ewigkeit!“  gibt  für  zahlreiche  hausinduftrielle  Familien  den  wefentlichen
Teil  des  täglichen  Küchenzettels  ab.  Kartoffeln  machen  die  Hauptnahrung
aus.  Die  Einzelheiten  des  Küchenzettels  und  die  lokal  abweichenden  Methoden,
mit  denen  die  Ärmften  ihr  tägliches  Gericht  dem  Gaumen  fchmackhafter
zu  machen  verfuchen,  find  geradezu  deprimierend:  Zichorienkaffee,  Kaffeewaffer,
  Brot,  Butterbrot,  bisweilen  mit  Käfe  oder  Flei|ch  belegt,  Gemüfe,
wenig  Hülfenfrüchte,  mitunter  Reis,  Bier,  Milch  find  dazu  auserfehen,  Abwechflung
  in  die  einförmige  Nahrung  zu  bringen.  Statt  der  Fleifchkoft,  die  in
vielen  Heimarbeiterfamilien  feiten  und  fpärlich  ift,  dient  häufig  der  Hering;
und  felbft  diefer  ift  für  manche  ein  Seltenheitsgericht.  Das  Weberelend,
das  Gerhart  Hauptmann  in  feinem  Schaufpiel  „Die  Weber“  mit  photographifcher
  Treue  gefchildert  hat,  gehört  noch  durchaus  nicht  der  Vergangenheit ­
  an.
Das  belegt  u.  a.  v.  Rechenberg,  der  die  E  r  n  ä  h  r  u  n  g  s  w  e  i  |  e  der
Zittauer  Handweber  ausführlich  fchildert.  *  2 )  Ihre  Koft  befteht  im  wefentlichen ­
  aus  Brot  und  Kartoffeln.  Die  Kartoffeln,  die  mittags  das  Hauptgericht
bilden,  außerdem  aber  auch  öfters  abends  und  fogar  morgens  auf  dem  Tifch
erfcheinen,  find  faft  das  einzige  warme  Gericht  in  der  Koft  und  drücken  diefer
damit  ein  eigenartiges  Gepräge  auf.  Das  Brot  macht  55  Prozent,  Kartoffeln
etwa  18  bis  19  Prozent,  Butter  9  Prozent,  Roggenmehl  7  Prozent  der  gefamten
zugeführten  Energie  aus,  fo  dafz  annähernd  90  Prozent  des  Stoffwechfels
durch  Roggenbrot,  Roggenmehl,  Kartoffeln  und  Butter  beftritten  werden.
Nächft  den  genannten  Nahrungsmitteln  wird  am  regelmäßigften  noch  etwas
Milch  und  bisweilen  nur  Fleifch  genoffen.  Nur  gelegentlich  wird  etwas  Hering
vorgefetzt.  Alle  übrigen  Nahrungsmittel,  wie  Käfe,  Eier,  Zucker,  Obft,
kommen  fo  feiten  auf  den  Tifch,  dafz  fie  keinen  nennenswerten  Anteil  zu  dim
Kraft-  und  Stoffwechfel  beitragen.  Die  Merkmale  diefer  Koft  find  Armut
an  Genufzmitteln  und  geringe  Abwechflung,  da  Gemüfe,  wie  Bohnen,  Kohlrüben, ­
  nur  etwa  dann  genoffen  werden,  wenn  ein  eignes  Gärtchen  vorhanden
')  S.  Orandke  a.  a.  0.  275—295;  Glücksmann  a.  a.  0.  498;  Baum
a.  a.  0.  16;  S  t  i  1  I  i  c  h  a.  a.  0.  73.
2 )v.  Rechenberg,  Die  Ernährung  der  Handwerker  in  der  Amtshauptmannfchaft
  Zittau,  Leipzig  1890;  vgl.  F.  Hirfchfeld,  Einfluß  der  Ernährung  auf  Krankheit ­
  und  Sterblichkeit  in  dem  Sammelwerk  „Krankheit  und  foziale  Lage“  von  Moffe
und  Tugendreich,  München  1912.
            
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