Full text : Bevölkerungslehre

7, Kap. Die Bevölkerungslehre in ihrer Entwicklung seit R. Malthus 227

setzung des Kapitals“ erfolgte, daß dann die Industrie einen im Verhältnis
 zu ihrer Kopfzahl viel stärkeren Anteil an der Reservearmee
als die Landwirtschaft bilden müsse.
Auch Rodbertus, der andere große deutsche Sozialist, der
mit Marx vor allem die sozialrechtliche Betrachtungsweise gemeinsam
hat, ist ein Gegner von Malthus. Freilich tritt er ihm weit sachlicher
 und objektiver gegenüber als es Marx getan hat. Im Gegensatz
zu Marx hat Rodbertus auch mit voller Klarheit das Wesen des
Bevölkerungsproblems und die Bedeutung des Gesetzes vom
sinkenden Bodenertrag dafür erkannt. In seinem dritten sozialen
 Brief an von Kirchmann meint er: „Ich sage, daß wenn
Sie darin Recht hätten, daß jeder neue Scheffel Getreide . ... wegen
immer größerer Unfruchtbarkeit des Bodens oder immer unproduktiverer
 landwirtschaftlicher Kapitalanlage immer kostbarer wird...
so gibt es überhaupt kein Mittel, um jenes drohende Elend von dem
Menschengeschlecht abzuwenden“ ?). Träfe dieses Gesetz zu, dann
ließe sich „mit mathematischer Sicherheit zeigen, daß unter allen
Umständen der Zeitpunkt eintreten muß, wo das ganze Menschengeschlecht
 verhungert“. Demgegenüber meint Rodbertus jedoch,
daß die ganze Geschichte der Landwirtschaft diesem Gesetz widerspräche.
 In eingehenden Darlegungen hat er die Geltung dieses
Gesetzes zu bestreiten gesucht. W. Lexis hat gezeigt, daß dieser
Versuch von Rodbertus nicht geglückt ist”). Es ist auch leicht
einzusehen, daß ein Satz, wie der, daß die Schöpfung des Nahrungsstoffes
 ebenso in die Gewalt der Gesellschaft gelegt werden kann,
als es heute in ihrer Macht liege, beliebige Tuchquantitäten zu
liefern, wenn nur die nötigen Wollvorräte dazu da seien ®), den Kern
des Problems vollkommen übersieht, da es eben darauf ankommt,
daß die nötigen Wollquantitäten und zwar nicht zu steigenden
Preisen vorhanden sind. Freilich hat man doch den Eindruck, als
ob es Rodbertus vor seinem eigenen Optimismus etwas bange
geworden sei. Er sagt nämlich selbst in dem gleichen Zusammenhang:
 „Es ist leicht möglich, daß der fruchtbarste Boden, der heute
existiert, nicht noch einmal so fruchtbar werden kann, aber noch
viel leichter ist es möglich, daß aller unfruchtbarere Boden ebenso
fruchtbar gemacht werden kann, als heute der fruchtbarste“. „Übrigens
ist auch die unendliche Vermehrungsfähigkeit der Bevölkerung ebenso

1) Schriften, Bd, 2, Zur Beleuchtung d. sozialen Frage, 1. Teil, 1899, S. 101,
?) Zur Kritik der Rodbertusschen Theorien, Tahrb. für Nat. u. Stat, N. F..
Bd. 9, S. 165.
3) Nach Soetbeer, a. a. O0, S. 71
            
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