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Die Elektrisierung von Eisenbahnen.
Die Geschichte des elektrischen Bahnbetriebs hat sich bisher zumeist in Deutschland
abgespielt, und dennoch ist die Elektrisierung der großen Fern- und Vollbahnen in Deutsch
land gegenüber manchen anderen Staaten entschieden stark im Rückstand. Tie erste
elektrische Bahn der Welt war 1879 auf der Berliner Gewerbeausstellung zu sehen; sie
war nur 300 in lang, die Lokomotive leistete nur 4—5 PS, die Spannung betrug 150
Volt. Diese Versnchsbahn war des großen Werner Siemens Werk, ebenso die erste in
praktische Benutzung genommene elektrische Bahn, die vom Bahnhof Gr.- Lichterfelde der
Berlin—Anhaltischen Bahn zur nahen Hauptkadettenanstalt lief und am 16. Mai 1881
dem Betriebe übergeben wurde. Die Stromzuführung erfolgte bei diesen ältesten beiden
Bahnen durch Schienen; in der Folgezeit ging man jedoch bei den Straßenbahnen meist
zu dem zuverlässigeren Oberleitungsbetrieb über.
Nachdem dann in den Jahren 1900 und 1901 ans der Berlin—Potsdamer Vororts
strecke der „Wannseebahn" durch eine Versuchsstrecke gezeigt worden war, daß auch schwere
Eisenbahnzüge durch Elektrizität bequem betrieben werden können, brachten die beiden
folgenden Jahre die sensationellen Versuchsfahrten der „Studiengesellschaft für elektrische
Schnellbahnen" auf der 17 lcm langen Militärbahnstrecke Marienfelde—Zossen.
Hier wurden mit Hilfe von Drehstrom, der 10 000 Voll Spannung aufwies, die weitaus
größten Geschwindigkeiten erzielt, mit denen jemals auf Erden Menschen und Gegenstände
befördert worden sind: am 25. Oktober 1903 wurde eine Fahrgeschwindigkeit von nicht
weniger als 208 lein in der Stunde erreicht. — Als diese in der ganzen Kulturwelt das
größte Aufsehen erregenden Ergebnisse bekannt wurden, da tauchten verlockende und gut
begründet scheinende Zukunftsbilder in den Zeitungen auf, wonach man in nicht ferner
Zeit von Berlin nach Hamburg in 70 Minuten, nach Köln in 3, nach Paris in 5 Stunden
werde reisen können. Seither sind rund 10 Jahre ins Land gegangen, und doch fahren unsere
Eisenbahnen noch immer wie einst mit Dampfbetrieb, und die elektrischen Züge stehen uns
noch immer als Zukunftsideal vor Augen, von einigen ivenigen Strecken abgesehen.
Diese Tatsache kann um so mehr verwundern, da in einigen anderen europäischen
Ländern der elektrische Betrieb auf Vollbahnen bereits einen ziemlich erheblichen Umfang
angenommen hat und da andere Länder, vor allem Schweden, sich energisch rüsten, um
eine allmähliche Elektrisierung des gesamten Staatsbahnnetzes vorzubereiten. Es ist aber
in Fachkreisen seit langem bekannt, daß das wichtigste Bedenken gegen den elektrischen
Bahnbetrieb im großen in strategischen Erwägungen begründet ist. Weil die Zer
störung einer Kraftzentrale im Kriege sogleich den Bahnbetrieb eines ganzen Landesgebietes
lahmlegen würde, zögert man mit der allgemeinen Elektrisierung. Zweifellos ist dies
Argument überaus gewichtig und wird in einem militärisch so exponierten Lande, wie es
Deutschland ist, wohl auch noch auf lange hinaus seine verkehrshemmende Bedeutung
behalten.
Dennoch hat die jüngste Zeit Fortschritte im elektrischen Betrieb preußischer Bahnen
kleineren Umfangs gebracht, die von grundlegender Bedeutung zu sein scheinen. Nach
mannigfachen kleineren Versuchen mit elektrischem Bahnbetrieb, insbesondere auf der
Berliner Wannseebahn und der Strecke Hamburg—Ohlsdorf, beantragte im Jahre 1909
die preußische Regierung beim Landtag die Bereitstellung von Mitteln für die Elektrisierung
einer ersten Vollbahnstrecke Bitterfeld—Dessau. Die ausgewählte Probestrecke, für
die das fauch in anderen Ländern immer häufiger benutzte) System des einphasigen
Wechselstroms mit 15 Perioden gewählt wurde, war 25 Icm lang und wies 5 Zwischen
stationen auf. Die Versuchsepoche bewies, daß für friedliche Zeiten der elektrische Betrieb
dem Dampfbetrieb in jeder Hinsicht ganz bedeutend überlegen ist; auf die Vorzüge sei
hier im einzelnen nicht eingegangen und nur erwähnt, daß die elektrische Bahn nicht nur
schneller, sondern auch wirtschaftlicher in mehrfacher Hinsicht ist, überdies natürlich auch
sehr viel hygienischer, da die oft zur Kalamität für ganze Landstriche und Städte wer
dende Rauchplage ganz in Fortfall kommt. Die Betriebseröffnung der Bahn erfolgte am
18. Januar 1911, der Probebetrieb bewies, daß kleine Zugverspätungen schon auf sehr
kurze Strecken durch Erhöhung der Fahrgeschwindigkeit wieder eingeholt werden können,