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f Arbeiter! Parteigenossen!
.D Seit Zwei Jahren macht sich eine furchtbare Krisis
-A im Wirtschaftsleben bemerkbar, deren tfnöe noch nicht
» abzusehen ist. Hunderttausende von Arbeitern bemühen
^ sich vergeblich um Arbeit, um sich und ihre Familie vor
^ dem Verhungern zn schützen. In sinnloser Weis" wurde.
wie das im Wesen der privatkapitalistischen Pr^ouktionß-
g* weise liegt, in den Jahren des Aufschwungs ins Blaue
^ hinein gearbeitet. Menschen und Maschinen wurden bis an
3 die Grenze des möglichen ausgenutzt. Die MLllwrien-
O Profite steckte» die Unternehmer in die
H Taschen, die Arbeiter gingen leer aus.
Au8 Furcht, ihr Prosit könnte ihnen durch Lohnforderungen
£ geschmälert werden, suchten die Unternehmer Sturm zu
siS laufen gegen das Koalitionsrecht derselben Arbeiter, auf
v» die sie heute durch Lohnkürzungen die Folgen der Krisis
w abwälzen.
Klingt es nicht wie Hohn, wenn man unter den
I? heutigen Verhältnissen von einer gesicherten Existenz der
s* Arbeiter spricht? Welcher Arbeiter ist denn davor geschützt.
**L ^ )on morgen auf die Straße gesetzt und dem Untergange
preisgegeben zu werden? Aber nicht nur die privaten
ig- Unternehmer, nein, auch die Gemeinden, die den Privaten
!tr mit gutem Beispiel vorangehen sollten, der Staat und
iS das Reich, deren Betriebe Musterbetriebe sein sollten —
A. sie alle predigen und bethätigen daS nackte Unternehmer-
o interesse Und die wenigen Ausnahmen, die wirklich ein
'Äö ^^2 für die Arbeiter haben, stehen den heutigen Zuständen
.Z ohnmächtig gegenüber. Dem» diese Zustände sind eine
o Folgcerscheinnng ber kapitalistischen Wirtschafts-
^ ordnnng, sie werden erst mit dieser verschwinden,
•g- Pflästerchen. wie sie weltfremde Ideologen und Ethiker
« empfehlen, köniwn das Uebel wohl verkleistern, aber nicht
t* heilen
Ü . Hub um das Mag des Elends voll zu machen, um
2 die Leiden des arbeitenden Volkes bis zur Unerträglichkeit
A »n steigern, sich selbst aber noch mehr zu bereichern, haben
die Unternehmer, unterstützt von Junkern und Pfuffen.
*-* durch fortgesetzte Gewaltstreiche, trotz des zähen Wider-
,8 standeS der Arbeitervertreter im Deutsche» Reichstage, den
Wucher-tarif dem Volke als Weihnachtsgabe dargebracht
£ Im Kampfe gegen Brot- und Flcischwucher hat
„S? ~ abgesehen von einzelnen Ideologen und Eingängern —
^ nur eure Partei ihren Mann gcstauden. die
xA Sozialdemokratie. Die reaktionäre Mehrheit des
Reichstages aber hat sich nicht gescheut, den Fluch der
L Volksausbeutung auf sich zu laden, und die angeblichen
VolkSfrennde unter Führung des freisinnige« Helden
*2 Eugen Richter haben der Reafnon hilfreiche Hand
geleistet und sind zv Verrätern an de? Sache des Volkes
geworden.
Arbeitskollegen! Mit einem Schlage hat
Euch die gesetzgebende Körperschaft des Deutsche»
Reiches die geringen Lohnerhöhungen, die Ihr
vielleicht in der Zeit der Prosperität nach heißen,
aufopfernden Kampfe» errungen habt, wieder ent
rissen. Die parlamentarischen Kämpfe der letzten Monate
sollten auch dem Jndiffcrcüteslen die Augen öffnen und
ihn lehren, sein Recht zu gebrauchen. Die Erfahrung
lehrt, daß Ihr vereinzelt nichts seid und nur in fest-
geschlossenen Reihen etwas erreichen könnt. Aus dieser
Erkenntnis heraus schließt Ihr Euch pflichtgemäß (Suren
gewerkschaftlichen Organisationen an. um den Ausbeutungs
gelüsten der Unternehiner wenigstens einigermaßen entgegen-
treten zu können. Aber die gewerkschaftliche Bewegung
allein genügt nicht zur Befreiung der Arbeiterklasse aus
den Fesseln des Kapitalismus. Ihr »nützt Euch auch
politisch organisieren, damit Ihr Einfluß ans die
Gesetzgebung gewinnt und erfolgreich gegen Aus
beutung und Vergewaltigung ankämpfen könnt.
Ihr bildet die ungeheure Mehrheit des Volkes und keine
Macht ist im stände. Euch Eure Rechte auf die Dauer
vorzuenthalten, sofern Ihr sic nur entschlossen Und ziel
bewußt gebraucht.
Politische und gewerkschaftliche Bewegung
müssen Hand in Hand gehen. Was nützt Euch das
Koalitiousrecht. wenn eö nur auf dem Papier steht, aber
seine praktische Ausübung durch gekünstelte Gesetzes-
auSIegung vereitelt wird, ohne daß sich im Parlament
ein flammender Protest gegen eine solche Entrechtung
erhebt Was nützen Euch Lohnaufbesserungen, wenn sie
doppelt und dreifach wett gemacht werden durch eine
Klassengesetzgebung, der daS Interesse der Besitzenden als
höchstes und einziges Gesetz vor Augen schwebt. Erinnert
Ihr Euch nicht mehr der 12 000 Mark-Affaire. die aufs
deutlichste gezeigt hat. daß die Regierimgsverlretcr nichts
sind als die Handlanger der Kapitalistenklique.
Noch einmal rufen wir Euch zu: organisiert Euch
nicht nur gewerkschaftlich, sondern auch politisch.
Welcher. Partei Ihr Euch anzuschließen habt, darüber
kann kein Zweifel bestehen. Die wahre Vertretung der
Arbeiterinteressen bietet einzig und allein die Sozial
demokratie. Alle anderen Parteien sind im Grunde ihres
Herzens arbeiterfeindlich, wohl betteln die Herren bei den
Wahlen um Eure Stimmen, aber wenn sie gewählt sind,
dann keimen sie Euch nicht mehr und in den Stunden
der Entscheidung lassen sie Euch im Stich. Laßt Euch
nicht von denen bethören, die. sei es in Unkenntnis der
thatsächlichen Vorgänge, sei es um Euch wieder zu Sklaven
zu machen, die Aufforderring zur Abkehr von der Sozial
demokratie an Euch richten. Von jeher hat nur die Sozial-
46 und 47. Propagandaflugblatt zum Eintritt in die Wahlvereine