Object: 10 Jahre Wiederaufbau

stoffen zu decken, so daß nur der Ueberschuß für die 
Ausfuhr nach Oesterreich zur Verfügung stand. Dies und 
der Mangel an Transportmitteln hatte zur Folge, daß 
lie österreichische Industrie nur mit einer unregelmäßigen 
3elieferung mit Kohlen rechnen konnte und daher häufig 
gezwungen war, ihre Betriebe für längere Zeit stillezu- 
legen. 
In besonders nachteiliger Weise wurde durch die Zer- 
reißung des alten Wirtschaftsgebietes die Textilindustrie 
beeinflußt, die sich in den einzelnen Gebieten des alten 
Jesterreichs in durchaus verschiedener Weise entwickelt 
ıatte und daher von vorherein auf einen regen Aus- 
tausch ihrer Erzeugnisse angewiesen war. Durch den 
Zerfall des alten Zollgebietes sind diese Beziehungen 
vorübergehend vollkommen unterbunden und der 
organische Aufbau dieses Industriezweiges zerstört 
worden. Während von allen Zweigen der Textilindustrie 
die Spinnerei, die Veredlungsindustrie und die Konfektion 
in den Teilen des heutigen Oesterreichs so stark ent- 
wickelt war, daß ihre Leistungsfähigkeit den Inlands- 
bedarf weitaus überstieg, war nur eine verhältnismäßig 
geringe Anzahl von Webstühlen vorhanden. Als er- 
gänzendes Mittelglied im Produktionsprozeß schob sich 
hier die hochentwickelte Web-Industrie der Sudeten- 
länder ein, die die Erzeugnisse der österreichischen Spin- 
nereien zur Weiterverarbeitung übernahm und die fertigen 
sewebe sodann wieder nach Oesterreich behufs Vered- 
lung (Bleichen, Färben und Appretieren) zurüclieferte. 
Zu den bereits erwähnten Behinderungen, die 
roduktion und Absatz der österreichischen Industrie 
in den ersten Nachkriegsjahren erfuhren, gesellten sich 
noch die übrigen Auswirkungen des Krieges, die gleich- 
falls ihren lähmenden Einfluß auf die Entwicklung der 
5sterreichischen Industrie nehmen mußten. Hartnäckige 
Lohnkämpfe, die meist von langandauernden Arbeiter- 
ausständen begleitet waren, und die durch die physischen 
und moralischen Nachwirkungen des Krieges verursachte 
Verminderung der Arbeitsleistung hatten eine bedroh- 
liche Einschränkung der Leistungsfähigkeit der Unter- 
aehmungen zur Folge. Das durch den Rohstoff- und 
Lebensmittelmangel bedingte System der staatlichen Be- 
wirtschaftung brachte eine weitgehende Behinderung der 
‘reien Geschäftstätigeit und Lähmung des Unternehmungs- 
geistes mit sich, Schließlich war infolge der während des 
Krieges nahezu vollkommen vernachlässigten Investitions- 
:ätigkeit auch der Produktionsapparat der gesamten In- 
lustrie veraltet und einer Erneuerung dringend bedürftig. 
Alle diese Umstände hatten zur Folge, daß die öster- 
"eichische Industrie die Konjunktur der ersten Nachkriegs- 
iahre nicht voll ausnützen konnte. 
Während der Inflationsperiode hatte die Industrie wohl 
ıusreichend Beschäftigung, was sich in erster Linie in 
der geringen Zahl von Arbeitslosen ausdrückte. Diese 
dem Anschein nacı günstigen Wirkungen des Währungs- 
verfalles. wurden jedoch durch die Nachteile, die die 
Inflation in der weiteren Folge offenbarte, weit über- 
wogen. Die Unmöglichkeit einer richtigen Kalkulation, 
die Verminderung der Arbeitsleistung und die durch die 
Labilität der Geldverhältnisse bedingten fortgesetzten 
Lohnkämpfe verhinderten jede geregelte Betriebsführung. 
Eine der empfindlichsten Folgen der Geldentwertung war 
jedoch der zunehmende Ueberschuß des Kapitalbedarfes 
m Verhältnis zur Kapitalbildung. Namentlich bei der 
ndustrie machte sich im unmittelbaren Gefolge der In- 
lation eine wachsende Nachfrage nach Betriebs- und 
\nlagekapital geltend, die eine zunehmende Steigerung 
les Zinsfußes zur Folge hatte. 
Mit dem Herbst 1922 setzt die Periode der Stabili- 
’ierung und im weiteren Verlaufe die Durchführung 
les Wiederaufbauprogrammes der österreichischen Bun- 
lesregierung ein. So sehr die endgültige Stabilisierung 
ınserer Währung als eine volkswirtschaftliche Notwendig- 
;eit empfunden wurde, so ungünstig waren zunächst die 
\uswirkungen dieser Maßnahme auf die gesamte indu- 
;trielle Produktion. Die unmittelbare Folge war zunächst 
ne starke Verminderung des Exportes und ein erheb- 
icher Rückgang des Beschäftigungsgrades der Industrie. 
Dies machte sich auch in einem starken Anwachsen der 
\rbeitslosenziffer geltend. Zur Verminderung der Be- 
chäftigung der Industrie in diesem Zeitabschnitte trug 
ıuch bei, daß im Zuge des Wiederaufbauprogrammes 
ler Regierung und der zu diesem Behufe eingeführten 
strengen Sparmaßnahmen die staatliche Investitionstätig- 
seit auf ein Minimum reduziert wurde. Mit den Sanie- 
‘ungsmaßnahmen im Zusammenhange steht auf der 
ınderen Seite eine starke Erhöhung der Steuern und 
\bgaben des Bundes und der Länder. 
Eine zeitweise Belebung der industriellen Tätigkeit 
vährend der folgenden Periode wird durch die soge- 
1annte Ruhrkrise ausgelöst, doch ist diese Konjunktur 
ıur vorübergehend. Der Zusammenbruch der Franken- 
pekulation und die damit plötzlich zum Abschluß ge- 
angte Haussebewegung der Börsenwerte hatte den Aus- 
uch einer schweren Finanzkrise im März 1024 zur 
olge, der auch einzelne Kreditinstitute zum Opfer fielen. 
Jamit im Zusammenhange ergab sich um die Wende 
les Jahres 1924 eine akute Krise, die sich in einer allge- 
neinen Krediteinschhränkung und. in einer gewaltigen 
iteigerung der Zinssätze ausdrücte. 
Mit Ende 1025 hat diese Krise ihren Höhepunkt 
»rreicht. Die wirtschaftliche Depression dauert zwar noch 
vährend des ganzen darauffolgenden Jahres an, doch 
'eigt bereits das I. Halbjahr 1927 die ersten Anzeichen 
iner Wiederbelebung der Geschäftstätigkeit. 
Die Steuerlasten werden herabgesetzt; gleichzeitig tritt 
ine zunehmende Ermäßigung der Zinssätze ein. Auch 
lie Investitionstätigkeit des Staates und der Bundes- 
»ahnen macht sich in steigendem Maße wieder geltend. 
n das Jahr 1925 fällt ferner die Erlassung des Gold- 
»ilanzengesetzes, das für die weitere Entwicklung der 
ndustriellen Tätigkeit von größter Wichtigkeit war. 
Hand in Hand mit dieser Besserung der Konjunktur 
seht auch der wirtschaftliche Wiederaufbau, der sich in 
ler fortschreitenden Modernisierung der bau- 
ichen und masdcinellen Einrichtungen, sowie 
lurch die zunehmende Rationalisierung des Pro- 
'uktionsapparates und der Organisation, in letzterer 
linsicht insbesondere durch Fusionierung von Unter- 
ıehmungen, Zusammenschluß von Industrien zu Interessen- 
‘‚emeinschaften bzw. Anschluß an Internationale Kartelle 
‚u erkennen gibt. Der wirtschaftliche Wert der Ergänzung 
ind Erneuerung des industriellen Produktionsapparates 
wurde auch seitens der Regierung durch die FErlassung 
les Steuerbegünstigungsgesetzes für Neubauten und
	        
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