Kapitel II. Adam Smith.
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stand, als Niederlage für die Einfuhr des amerikanischen Tabaks zu
dienen 1 ).
Das Werk Smith’s ist weit davon entfernt, eine prophetische
Ankündigung der neuen industriellen Gesellschaft, die sich vor
bereitete, zu sein. Man bemerkt in ihm im Gegenteil, auch bei ober
flächlichem Durchlesen, daß ihm die „Kaufleute und Fabrikanten“
ungemein antipathisch waren. Gegen sie wenden sich seine Sarkasmen
und seine Kritik. Während die Interessen der Großgrundbesitzer
und der Arbeiter ihm fast immer als in Übereinstimmung mit dem
allgemeinen Interesse des Landes erscheinen, fallen die der Kauf
leute und der Fabrikanten, sagt er „niemals ganz mit dem öffent
lichen Interesse zusammen“; „sie haben gewöhnlich ein Interesse
daran, das Publikum zu täuschen und sogar zu drücken“; auch „haben
sie es wirklich bei vielen Gelegenheiten getäuscht und gedrückt“ 2 ).
v Zwischen den Kapitalisten und den Arbeitern schwankt Adam
Smith nicht. Aus mehr als einer Stelle wird leicht ersichtlich, daß
alle seine Sympathien den Arbeitern gehören. Man könnte zahlreiche
Stellen hierfür anführen. Es möge genügen, die verschiedene Art
und Weise zu erwähnen, in der er von den hohen Löhnen der Ar
beiter und dem großen Gewinn der Kapitalisten spricht. Sind die
hohen Löhne der Gesellschaft vorteilhaft oder nicht? fragt er. „Die
Antwort scheint beim ersten Anblick außerordentlich einfach. Dienst
boten, Tagelöhner und Arbeiter aller Art machen den bei weitem
größten Teil jeder Staatsgesellschaft aus. Was nun aber die Um
stände des größten Teiles verbessert, kann nicht als ein Nachteil des
Ganzen angesehen werden. Es kann sicherlich eine Gesellschaft
nicht blühend und glücklich sein, deren meiste Glieder arm und elend
sind. Überdies ist es nicht mehr als billig, daß diejenigen, die den
ganzen Körper des Volkes mit Nahrung, Kleidung und Wohnung
versorgen, an dem Erzeugnis ihrer eigenen Arbeit so viel Anteil
haben, um selbst erträglich wohnen, sich kleiden und nähren zu
können s ).
Handelt es sich dagegen um große Gewinne, dann ändert Smith
hen Ton. Er ist der Meinung, daß sie den Preis der Lebensmitttel
v |el mehr als hohe Löhne in die Höhe treiben, und er apostrophiert
hie Kapitalisten in folgender ironischer Auslassung: „Unsere Kauf-
Jeute und Fabrikherren klagen sehr über die schlechten Wir
kungen des hohen Lohnes, der den Preis ihrer Güter hinauftreibt
u . n d dadurch den Verkauf derselben im In- und Auslande verringert;
Sle sagen aber nichts von den schlechten Wirkungen des hohen Ge-
1 ) -Rae, Life of Ä. Smith, S. 89,
2 ) Völkerreichtum I, 8. 150, B. I, Kap. XI am Ende.
3 ) Völkerreichtum I, S. 44—45, B, I, Kap. VIII.