Kapitel II. Adam Smith.
93
gibt. Wenn diese Nachfrage in stetem Wachsen ist, so muß die
Belohnung der Arbeit notwendig so weit zu Heiraten und Vermehrung
der Arbeiter ermuntern, daß diese zahlreich genug werden, um der
stets wachsenden Nachfrage durch eine stets wachsende Volksmenge
zu entsprechen. Wäre die Belohnung einmal geringer, als es für
diesen Zweck nötig ist, so würde der Mangel an Händen sie bald in
die Höhe treiben, und wäre sie zu einer anderen Zeit größer, so
würde die unmäßige Vermehrung der letzteren sie bald wieder auf
ihren notwendigen Satz herunterbringen. Der Markt würde in dem
einen Falle so schlecht mit Arbeit versorgt und in dem anderen so
sehr damit überfüllt sein, daß ihr Preis bald auf den richtigen Satz
zurückkäme, den die Gesellschaftsverhältnisse fordern. 4 So geschieht
es, daß die Nachfrage nach Menschen, gerade wie die
nach jeder anderen Ware, notwendig auch die Er
zeugung der Menschen reguliert: sie beschleunigt sie,
wenn sie zu langsam vor sich geht, und verzögert sie,
wenn sie zu rasch fortschreitet 1 ).“ *
"Die zweite Anwendung, die Smith von seiner Theorie der An
passung des Angebots an die Nachfrage macht, betrifft das Geld.'
Weiter oben haben wir gesehen, wie er die Frage seines Ursprunges
löste. Neben diesem ersten Problem entsteht jetzt ein zweites, näm
lich, wie sich die Geldmenge dem Tauschbedarf anpaßt. Wie wird
unser Schriftsteller es lösen?
Smith bemüht sich zuerst, das landläufige Vorurteil 2 ) z^i be
kämpfen, nach dem das Geld den Reichtum an sich vorstellt. * Es
liegt ihm um so mehr daran, es zu widerlegen, da dieses Vorurteil
die Grundlage der merkantilistischen Theorie von der Handels
bilanz ist, und da der Kampf gegen den Merkantilismus der un
mittelbare Zweck seines Buches ist/ Wie bekannt, behaupten die
Merkantilisten, daß ein Land mehr aus- als einführen müsse, um stets
einen Geldüberschuß, einen baren Saldo zu erhalten. Wenn man nun
nachweist, daß dieser Saldo unnütz ist, weil ja das Geld auch nur
eine Ware ist, weder mehr noch weniger nützlich als die anderen,
so hat man durch diesen Nachweis die Grundlage der merkan
tilistischen Politik zerstört. Smith sieht im Geld sogar eine Ware,
die entbehrlicher ist als die anderen. Eine lästige Ware, deren Ge
brauch so oft wie möglich zu umgehen ist. Diese Art Mißkredit, den
') Völkerreichtum I, S. 46—46, B. 1, Kap. VIII.
2 ) „Die gewöhnliche Meinung ist die, daß das Vermögen in Geld oder in
Gold und Silber bestehe, und diese Meinung entspringt ganz von selbst aus dem
doppelten Dienste des Geldes, aus seinem Dienste als Tauschmittel einerseits und als
Wertmesser andererseits“ (Völkerreichtum II, S. 1, B. IV, Kap. I). Das ganze
Kapitel ist der Bekämpfung dieses Vorurteils gewidmet.