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Erstes Buch. Die Begründer.
sichern sollten, hat Smith sein schwerstes Geschütz aufgefahren. Das
vierte Buch der VYealth of nations ist eine flammende, leiden
schaftliche Anklageschrift gegen den Merkantilismus, bewunderungs
würdig in ihrer genauen Dokumentierung. Es ist der Teil des Buches,
der seine Zeitgenossen am meisten interessieren mußte, und der uns
heute als der veraltetste erscheinen würde, wenn Smith hier nicht
eine ganze Theorie des internationalen Handels und eine
Kritik des Schutzzolles eingefügt hätte, die für die Geschichte der
nationalökonomischen Lehren besonderes Interesse hat. Wir müssen
hierüber einige Worte sagen.
Im Kampfe für die internationale Handelsfreiheit sind Smith,
wie in so vielen anderen Punkten, die Physiokraten vorausgeeilt.
Aber auch hier ist er ihnen durch die Weite seines Blickes über
legen. Der Liberalismus der Physiokraten wurzelt im Interesse der
Landwirtschaft; der auswärtige Handel bleibt ihnen „Notbehelf“.
Smith sieht im Gegenteil den äußeren Handel als an und für sich
vorteilhaft an, vorausgesetzt, daß er zur rechten Zeit einsetzt und
sich selbsttätig entwickelt 1 ). Wenn aber Smith immerhin über den
physiokratischen Gesichtspunkt hinausgeht, so ist er doch noch nicht
zu einer befriedigenden Theorie gelangt. Kicaedo und seinen Nach
folgern, im besonderen Stuart Mill, war es Vorbehalten, der Theorie
des internationalen Plandels eine feste Grundlage zu geben. Die
Lehre des schottischen Nationalökonomen war noch unsicher; aber
sogar die Unsicherheiten eines großen Gelehrten sind manchmal
interessant. Sie verdienen hier aufgezählt zu werden.
Schon bei der Darlegung seiner Geldtheorie haben wir die Gründe
betrachtet, die Smith aus ihr gegen die Theorie der Handelsbilanz
ableitet. Aber die Theorie der Handelsbilanz ist nicht das ganze
Schutzzollsystem, und man findet bei Smith noch etwas anderes als
eine Widerlegung: zunächst eine Kritik des Schutzzollsystems im
allgemeinen, die dessen spezifisch merkantüistische Form außer acht
läßt, und weiter eine Untersuchung, um die positiven Vorteile des
internationalen Handels auseinander zu setzen.
Seine Kritik des Schutzzollsystems stützt sich in erster Linie
auf die bekannte Behauptung, daß das Kapital die Industrie begrenzt.
„Der allgemeine Gewerbefleiß der Nation kann niemals weiter gehen,
als das Kapital der Nation reicht, durch welches er in Gang gesetzt
wird.“ Was tut aber der Schutzzoll? Kann er das Kapital des Landes
vermehren ? Keinesfalls! „Er kann nur einen Teil des Gewerbfleißes
b „Jeder von diesen verschiedenen Handelszweigen ist jedoch nicht nur vorteil
haft, sondern auch notwendig und unausbleiblich, wenn der natürliche Lauf der
Dinge ohne Zwang oder Gewaltsamkeit dazu führt“ (Volk erreich tum I, S. 219,
B. II, Kap. V).