Full text: Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

Kapitel III. Die Pessimisten. 
133 
überstellen. Ihr Vertrauen auf das, was wir Fortschritt nennen, war 
alles in allem äußerst gering. 
Man darf aber nicht annehmen, daß sie sich selbst als Pessi 
misten betrachtet, oder daß ihre Zeitgenossen sie dafür gehalten 
hätten. Es ist das eine Bezeichnung a posteriori, die sie stark 
in Erstaunen gesetzt haben würde. Sie entwickeln im Gegenteil 
ihre Theorien mit einer Seelenheiterkeit, die befremdet. Keinen 
Augenblick kommt ihnen der Gedanke, daß mau darin eine Anklage 
gegen die bestehende Ordnung der Dinge oder gegen die Weisheit 
des „großen Schöpfers der Natur“ sehen könnte. Sie glauben, das 
Grundeigentum auf eine unerschütterliche Basis gestellt zu haben, 
wenn sie nachweisen, daß die Bodenrente nichts mit dem Eigentum 
zu tun habe. Sie zweifeln nicht daran, den Geist der Revolte ent 
waffnet zu haben, wenn sie den Armen nachweisen, daß sie selbst 
für ihr Unglück verantwortlich sind 1 ). 
Die beiden Hauptvertreter dieser Lehre, Malthus und Ricardo, 
waren Philanthropen, Volksfreunde, wie sie selbst erklären, und wir 
haben keinen Grund, ihre Aufrichtigkeit in Zweifel zu ziehen 2 ). Ihre 
Zeitgenossen waren über diese neue Nationalökonomie keineswegs 
erschrocken, sondern nahmen sie mit großer Begeisterung auf. Die 
große englische Gesellschaft 3 ) öffnete ihnen weit ihre Arme, und sogar 
Damen bemühten sich, in Novellen und Erzählungen die abstrakten 
Theorien eines Ricardo 4 ) allen verständlich zu machen. 
Auch muß man anerkennen, daß sie der Wissenschaft — und 
infolge einer durch sie hervorgerufenen Gegenströmung auch den 
Arbeiterklassen — ganz bedeutende Dienste geleistet haben. Auch 
') „Das Volk muß sich seihst als die Hauptursaohe seines Elendes betrachten“ 
(Malthus, S. 500). 
Deshalb sagen zweifellos auch andere Schriftsteller, wie z.B.EMBHALßvYin seinem 
Buch: Le Eadicalisme Philosophique, daß Eicakdo, Malthus und ihre Jünger 
„als Vertreter des Optimismus und des „nicht-daran-rührens“ gelten“. Optimis 
mus also! In welchem Sinn? Ohne Zweifel, weil sie die wirtschaftliche Ordnung 
für die bestmögliche und auf jeden Fall für unabänderlich hielten? Mag das sein. 
Hierfür scheint uns dann aber die Bezeichnung „zufriedene Pessimisten“ besser. 
2 ) „Jeder unparteiische Leser muß anerkennen, daß das praktische Ziel, das dem 
Verfasser vor allen vorsohwebte, die Besserung der Lage und die Erhöhung des 
Lebensglücks der unteren Gesellschaftsklassen ist.“ Mit dieser Erklärung schließt 
Malthus sein Buch über die Bevölkerung. 
3 ) In ihren Briefen erzählt uns eine Zeitgenossin Eicardo’s, Miss Edgewokth, 
die Nationalökonomie wäre damals so stark Mode gewesen, daß die Damen der Ge 
sellschaft, ehe sie für ihre Töchter eine Erzieherin nahmen, sich erkundigten, ob die 
streifende diese Wissenschaft lehren könne. 
) Conversations on Political Economy, von Mns Mahcei (1816). 
lustrations of Political Economy, von Miss Martinbau, 9 Bände mit zu 
sammen 30 Erzählungen (1832—1834).
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.