Kapitel III. Die Pessimisten.
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Elternschaft, aber weder ihre Freuden, noch ihren Gewinn läßt; un
zureichende Wohnungen, die Last der Steuern und hundert andere.
Daher sind die Gründe der Fortpflanzung unendlich mannigfaltig,
aber gerade weil sie sozialer und nicht physiologischer Natur sind,
haben sie keinen notwendigen, bleibenden, allgemeingültigen Charakter
und können sehr wohl durch entgegengesetzte, soziale Beweggründe
überwunden werden. Gerade das ist eingetreten. Man kann sich
wohl vorstellen, daß dort, wo der religiöse Glaube verdorrt, und die
Vaterlandsliebe tot ist, wo die Familie nur eine Generation dauert,
wo alles Land in fester Hand, und die Fabrikarbeit der Kinder unter
sagt ist, wo die Seßhaftigkeit des Lebens fast aufgehört hat, wo der
Gedanke an physische Schmerzen unerträglich, und die Ehe durch
leichte Ehescheidung mehr und mehr einer freien Geschlechtsverbin
dung ähnlich geworden ist, daß dort, wo alle Beweggründe für die
Fortpflanzung, die ich aufgezählt habe, keinen Einfluß mehr haben,
und wo alle gegenwirkenden Kräfte in freiem Spiele sind, daß dort
die Fortpflanzung dann völlig aufhört. Wenn bisher kein Volk diesen
Zustand erreicht hat, so muß doch zugegeben werden, daß alle aut
dem Wege dazu sind. Allerdings mögen in neuen sozialen Verhält
nissen sich neue Beweggründe für die Fortpflanzung einstellen: ich
glaube das wohl, aber sie sind uns noch nicht bekannt.
Mag auch die Behauptung noch so paradox erscheinen, der Ge
schlechtstrieb spielt in der Fortpflanzung des Menschengeschlechts —
wohlgemerkt nur in diesem, — eine sehr untergeordnete Eolle. Die
Natur hat zwar beide Instinkte in den gleichen Organen vereinigt,
und wer an letzte Ursachen glaubt, kann hier die List bewundern,
die sie angewendet hat, um die Erhaltung der Arten durch die Bin
dung der Zeugung an das kräftigste Lockmittel zu sichern. Der
Mensch hat sich aber als noch listiger erwiesen und hat mühelos
beide Funktionen voneinander getrennt. Zwar fährt er fort, blind
dem Gesetze der Geschlechtsbefriedigung und der Wollust zu ge
horchen, und kann dies um so freimütiger tun, je weniger er sich
um die Folgen zu kümmern braucht, aber er hat es verstanden, sich
last durchaus dem Gesetze der Fortpflanzung zu entziehen. Daher
lösen sich die Befürchtungen Malthus’ in nichts auf, und die ent
gegengesetzte Besorgnis, die eines langsamen Selbstmordes der Völker,
erscheint am Horizont.
Diese Trennung der beiden Funktionen vollzieht sich um so
leichter, weil auch das schwache moralische Hemmnis, das der ehrliche
Pfarrer ihr entgegen gestellt zu haben glaubte, als er diese Über
listung des Fortpflanzungstriebes mit dem Namen Laster bezeichnete,
jede Bedeutung verloren hat. Nachsichtigere Moralprediger sind auf-
gestanden und haben nachgewiesen, daß nur diese Praktiken beiden