Full text : Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

156

Erstes  Buch.  Die  Begründer.

Es  ist  nicht  daran  zu  denken,  an  dieser  Stelle  sein  so  monumentales ­
  Werk  erschöpfend  darzustellen,  und  wir  begnügen  uns
daher  damit,  seine  Hauptzüge  heryorzuheben  ’).
Im  allgemeinen  können  wir  sagen,  daß  sich  Eicaedo  hauptsächlich
mit  der*  V  er  teilung  der  Güter  ^beschäftigt  hat.  Hierin  hat  er  in
Wahrheit  ein  neues  Feld  eröffnet,  denn  seine  Vorgänger  haben  sich
fast  nur  mit  der  Produktion  befaßt.  „Die  Gesetze,  denen  diese
Verteilung  untersteht,  lestzulegen,  ist  die  Hauptaufgabe  der  Nationalökonomie.“ ­
  —  Man  kannte  allerdings  schon  die  Dreiteilung  des  Einkommens, ­
  in  Übereinstimmung  mit  der  Dreiteilung  der  Produktionsfaktoren, ­
  —  die  Kente  für  den  Boden,  den  Profit  für  das  Kapital,
den  Lohn  für  die  Arbeit  —;  Eicaedo  will  aber"feststellen,  in  welcher
Weise  diese  Verteilung  vor  sich  geht,  und  welche  Gesetze  den  Anteil

>)  David  Eicaedo  entstammte  einer  ursprünglich  holländischen,  jüdischen  Familie.
Er  wurde  im  Jahr  1772  in  London  geboren,  wo  sein  Vater  als  Warenmakler  lebte.
Frühzeitig  wurde  er  von  ihm  in  die  Geschäfte,  in  die  Geheimnisse  der  Wechselstuben
eingeführt.  Anläßlich  seiner  Heirat  schwor  er  seine  Eeligion  ab  und  brach  mit  seiner
Familie.  Er  gründete  ein  eigenes  Geschäft  als  Börsenmakler  und  sammelte  rasch
ein  großes  Vermögen,  das  man  sogar  auf  40  Millionen  Fr.  geschätzt  hat,  was  aber,
besonders  für  seine  Zeit,  enorm  gewesen  wäre  und  wahrscheinlich  übertrieben  ist.
Ganz  natürlich  waren  es  Fragen  des  Bankwesens,  die  ihn  zuerst  sich  mit  der
volkswirtschaftlichen  Wissenschaft  beschäftigen  ließen.  Zu  jener  Zeit  hatte  der  Krieg
mit  Frankreich  eine  solche  Entwertung  der  Banknoten  in  England  herbeigeführt,  daß
nicht  nur  Spezialisten,^sondern  auch  Privatleute  sich  viel  mit  dieser  Frage  befaßten.
Damals,  1810,  veröffentlichte  er  seinen  ersten  Aufsatz:  Heber  den  hohen  Geldpreis ­
  als  Beweis  für  die  Entwertung  der  Banknoten.  Er  war  zu  dieser
Zeit  38  Jahre  alt  und  ließ  dieser  ersten  Arbeit  bald  weitere  über  Kredit  und  Bankwesen ­
  folgen.  Diese  kleineren  Streitschriften  jedoch  ließen  kaum  ahnen,  mit  welchen
tiefeingreifenden  Untersuchungen  über  die  Grundsätze  der  Wissenschaft  er  sich  beschäftigte ­
  —  anscheinend  zu  seiner  persönlichen  Unterhaltung,  denn  sie  scheinen
nicht  für  die  Öffentlichkeit  bestimmt  gewesen  zu  sein,  —  die  endlich  1817  unter  dem
Titel:  Principles  of  political  Economy  herausgegeben  wurden.
Als  er  sie  veröffentlichte,  ahnte  dieser  „businessman“  sicherlich  nicht,  daß  er
dadurch  die  Grundpfeiler  des  kapitalistischen  Wirtschaftsgebäudes  erschüttern  würde.
1819  wurde  er  Mitglied  des  Unterhauses,  doch  scheint  er  als  Eedner  nicht
glänzender,  denn  als  Schriftsteller  gewesen  zu  sein,  obschon  er  übrigens  vom  Haus
mit  größter  Achtung  angehört  wurde.  „Ich  habe  zweimal  angefangen  zu  sprechen,
war  aber  so  befangen,  daß  ich  alle  Hoffnung  aufgebe,  der  Furcht  Herr  zu  werden,
die  mich  jedesmal  überfällt,  wenn  ich  meine  eigene  Stimme  höre.“
Im  Jahre  1821  gründete  er  den  Klub  „Political  Economy“,  der  wahrscheinlich
die  erste  der  zahlreichen  Gesellschaften  für  ökonomische  Studien  war,  die  seitdem  in
allen  Ländern  gebildet  worden  sind.  1822  gab  er  eine  Abhandlung  über  den  Schutz
der  Landwirtschaft  heraus.  Er  starb  im  Jahre  1823,  51  Jahre  alt.
Seit  seinem  Tode  hat  man  pietätvoll  seine  Schriften  gesammelt  und  besonders
seine  Briefe  veröffentlicht.  Er  stand  in  regem  Briefwechsel  mit  den  bedeutendsten
Nationalökonomen  seiner  Zeit,  wie  Malthos,  Mac  Cullooh,  J.-B.  Say  und  anderen.
Diese  Briefe  und  ihre  Beantwortungen  sind  für  das  Verständnis  seiner  Lehren  äußerst
wertvoll.
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.