164
Erstes Buch. Die Begründer.
Kann ‘man jedoch der Notwendigkeit nicht entrinnen, Felder
zweiter oder dritter Klasse zu bewirtschaften? Kann man nicht zu
nächst durch intensivere Kultur den Ertrag der alten Felder erhöhen?
Zweifellos kann man dies bis zu einem bestimmten Punkte. Es ist
aber widersinnig zu glauben, daß man auf einer begrenzten Ober
fläche eine unbegrenzte Menge Lebensmittel hervorbringen kann.
Überall gibt es eine allerdings elastische Grenze, die der Fortschritt
in der landwirtschaftlichen Wissenschaft sicherlich weit über jede
Voraussicht hinaus zurückschieben kann; aberlange bevor der Land
wirt diese ideale Grenze erreicht hat, stellt er die Arbeit ein, weil
ihn die Praxis gelehrt hat, daß „der Preis nicht die Mühe lohnt“,
wie das Sprichwort sagt, nämlich, daß der Mehraufwand an Arbeit
und Kosten, der zu leisten wäre, den Mehrertrag, den er erhalten
kann, bedeutend übersteigt. Das nennt man das*Gesetz des sinken
den Bodenertrages 1 ).
Dieses Gesetz bildet einen integrierenden Bestandteil der Ricardo-
schen Theorie, ohne dessen Berücksichtigung sie unverständlich bleibt,
wie es auch der malthusischen Theorie unausgesprochen zugrunde
lag. Übrigens ist es schon von Xjjegöt entdeckt und mit bewun
derungswürdiger Kraft und Klarheit formuliert worden: '„Man kann
niemals annehmen, daß verdoppelte Aufwendungen das Produkt ver-
i doppeln 2 ).“ * Und Malthüs wiederholt nur, wahrscheinlich ohne sie
*) Gewisse Kritiker, wie Fontenay, ein Schüler Bastiat’s, stellen den Satz auf
daß ein Feld sehr wohl aus der vierten Kategorie der Ertragsfähigkeit in die erste
übergeführt werden könne, wenn ein intelligenter Landwirt, anstatt'Getreide darauf
zu bauen, es zu einem Weinberg oder vielleicht zu einer Rosenkultur benutzte. Doch
fällt das aus dem Rahmen der Frage: das Gesetz der Bodenrente setzt Erzeugnisse
gleicher Art voraus, da sie gerade auf Grund dieser Übereinstimmung zum gleichen
Preis verkauft werden. Wenn schlechtes Getreideland erstklassiges Rosenland wird,
so ist das schön und gut, aber es hat dann nichts mehr mit Getreide zu tun und
muß unter Eosenland eingeschätzt werden. Mit dem Tag, an dem man ein zur
Rosenkultur weniger günstiges Land für denselben Zweck in Angriff nimmt, wird
es eine Bodenrente abwerfen.
2 J Türgot, Observations sur un Memoire de M. de Saint-Peravy,
(Buvres I, S. 420.
„Man kann niemals annehmen, daß die Verdoppelung der Vorschüsse eine Ver
doppelung des Ertrages ergebe . . .“
„Es ist mehr als wahrscheinlich, daß jede Erhöhung der Vorschüsse, die nach
und nach, bis zu dem Punkte, wo sie nichts mehr einbringen, vorgenommen wird,
einen nach und nach geringer werdenden Ertrag bringen. In diesem Falle würde
es mit der Ertragsfähigkeit des Bodens, wie mit einer elastischen Feder stehen, die
man durch eine wachsende Belastung mit gleichen Gewichten zu spannen trachtet.
Wenn das Gewicht leicht ist, und die Feder nicht sehr elastisch, wird die Wirkung
der ersten Belastungen fast Null sein. Wenn das Gewicht genügend schwer wird,
um den ersten Widerstand zu überwinden, wird die Feder bemerkbar nachgeben und
sich biegen; wenn sie aber bis zu einem bestimmten Punkt gebogen ist, wird sie