Full text : Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

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Erstes  Buch.  Die  Begründer.

der  Wert  im  Verhältnis  zur  aufgewandten  Arbeit  stände.  Aber  nur
in  den  primitiven  Gesellschaften;  in  den  zivilisierten  Gesellschaften
hat  er  im  Gegenteil  erklärt,  „gäbe  es  nur  sehr  wenige  Waren,  deren
ganzer  Tauschwert  auf  der  Arbeit  allein  beruhe“.  Smith  nahm
daher  wohl  an,  daß  die  Arbeit  einer  der  Wertfaktoren  sei,  aber  nicht
der  einzige.  Was  sind  nun  die  anderen?  Offenbar  der  Boden  und
das  Kapital.
Ricardo  vereinfacht  das  Problem,  wie  es  abstrakte  Denker  gern
tun,  indem  er  die  beiden  letzten  Faktoren  ausschaltet  und  nur  die
Arbeit  bestehen  läßt.  Was  den  Boden  anbelangt,  so  schiebt  er  ihn
auf  die  Seite,  da  ja  die  Rente  in  nichts  zur  Schaffung  des  Wertes
beiträgt,  ja  im  Gegenteil  selbst  von  ihm  geschaffen  wird 1 ).  Das
Getreide  wird  nicht  teuer  verkauft,  weil  der  Boden  eine  Rente  ab-[
  f  wirft,  sondern  weil  das  Getreide  teuer  ist,  gibt  der  Boden  eine  Rente.
-  _  Das  volle  Verständnis  dieses  Grundsatzes,  sagt  er,  ist  in  der  Nationalökonomie ­
  von  der  größten  Bedeutung.  Was'das  Kapital  anbelangt,  so
ist  es  nichts  als  Arbeit/Es  ist  daher  nicht  notwendig,  einen  besonderen
Faktor  daraus  zu  konstruieren.  Es  genügt  nicht,  unter  Arbeit  „nur
die  Arbeit  zu  verstehen,  die  unmittelbar  auf  die  Erzeugung  verwendet ­
  worden  ist,  sondern  auch  diejenige  Arbeit,  die  auf  Werkzeuge,
Maschinen  und  Gebäude,  die  der  Schaffung  des  Produktes  dienten,
verwendet  wurde“  2 ).  Mit  dieser  Erklärung,  die  das  Kapital  auf  die
Arbeit  zurückführt,  war  jedoch  Ricardo  selbst  nicht  sehr  zufrieden.
Einen  Großkapitalisten,  wie  Ricardo,  mußte  eine  solche  These  allerdings ­
  sehr  beunruhigen.  Als  man  ihm  entgegenhielt,  daß  Eichen  und
Wein  mit  dem  Alter  an  Wert  zunehmen,  war  er  in  rechter  Verlegenheit. ­
  Und  in  einem  Briefe  an  Mac  Culloch  sagt  er:  „Alles  Nachdenken, ­
  das  ich  auf  diese  Frage  verwendet  habe,  bringt  mich  zu  der
Annahme,  daß'der  relative  Wert  der  Dinge  durch  zwei  Ursachen  bestimmt ­
  wird:  1.  Durch  die  relative  Arbeitsmenge,  die  zur  Erzeugung
notwendig  ist;  2.  durch  die  relative  Zeitdauer,  die  notwendig  st
um  das  Resultat  dieser  Arbeit  auf  den  Markt  zu  bringen.“  '  Er  hat
also  schon  die  Bedeutung  dieses  von  der  Arbeit  durchaus  verschiedenen ­
  neuen  Faktors  geahnt,  dem  v.  Böhm-Bawerk  später  eine  so
große  Bedeutung  beilegen  sollte.
Im  allgemeinen  drückt  man  die  Theorie  Ricaedo’s  dadurch  aus,
daß  man  sagt:"der  Wert  wird  von  den  Produktionskosten  be-*)

  Schon  Htjmb  hatte  Smith  gegenüber  diesen  Binwurf  erhöhen.  Vgl.  oben
S.  72  Anm.  2  (al.  2,  S.  73).
2 )  „Wenn  das  Kapital  ein  vergängliches  Gut  ist,  müssen  Jahr  für  Jahr  große  Anstrengungen ­
  gemacht  werden,  um  es  in  seiner  Vollständigkeit  zusammenzuhalten;  diese
Wiederherstellungsarbeit  kann  in  Wirklichkeit  als  für  die  Erzeugung  von  Waren
aufgewendet,angesehen  werden  und  muß  sich  in  ihrem  Wert  wiederfinden,“
            
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