Full text: Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

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Zweites Buch. Die Gegner. 
dieser Produktion unverkauft, und die Produzenten werden ruiniert. 
Sismondi schließt hier so, als bestehe das Volk aus Landwirten, die 
jedes Jahr die fabrizierten Erzeugnisse, welche sie brauchen, mit den 
Einkünften kaufen, die ihnen der Verkauf der vorjährigen Ernte 
gebracht hat. Es ist selbstverständlich, daß bei Überfluß au fabri 
zierten Erzeugnissen das Einkommen der Landwirte nicht ausreicht, 
um sie zu einem genügend hohen Preise zu bezahlen. 
Aber in seiner Beweisführung liegt eine doppelte Verwechslung. 
Das jährliche Einkommen eines Volkes ist im Grunde genommen 
nichts anderes als seine jährliche Produktion. Die eine kann daher 
nicht geringer als die andere sein, da ja beide dasselbe vorstellen. 
Auf der anderen Seite sind es nicht die Produktionen zweier ver 
schiedener Jahre, die sich gegeneinander austauschen, sondern die 
verschiedenen Erzeugnisse, die jedes Jahr geschaffen werden, werden 
gegeneinander ausgetauscht, oder vielmehr (denn diese Einteilung 
des wirtschaftlichen Lebens in jährliche Perioden hat mit der Wirk 
lichkeit nichts gemein) sind es verschiedene Produkte, die in jedem 
Augenblick in der Welt erzeugt werden, die sich in jedem Augen 
blick untereinander austauschen, und die so, die einen für die anderen, 
eine gegenseitige Nachfrage darstellen. Daher kann es kommen, daß 
es in einem bestimmten Augenblick von den einen oder den anderen 
Produkten zu viel oder zu wenig gibt, und daß infolgedessen in einer 
oder mehreren Industrien Krisen herrschen. Es ist aber unmöglich, 
daß es gleichzeitig zu viel von allen Erzeugnissen gibt. Das haben 
Mac Cülloch, Ricardo und J.-B. Sax erfolgreich gegen Sismondi auf 
recht erhalten 1 ). 
Nicht nur in der Methode, sondern mehr noch mit Hinsicht auf 
den Gegenstand der Nationalökonomie, steht Sismondi den Klassikern 
als Gegner gegenüber. In ihren Augen, sagt er, ist die Volkswirt 
schaft die Wissenschaft des Reichtums; sie ist, wie Aeistoteles sagte, 
eine „chrematistische“ Wissenschaft. Der wirkliche Gegenstand der 
Wissenschaft ist aber der Mensch oder genauer, das „physische Wohl- 
*) Mao Cülloch kritisierte Sismondi in einem Aufsatz in der Edinburgh 
Review im Oktober 1819. Was J.-B, Say anlangt, siehe oben S. 129—131. 
Mit Hinsicht auf Rioabdo erzählt Sismondi (Nouv. Princ., II, 8. 410), daß er mit 
ihm in Genf, im Jahr, in dem er starb, verschiedene Aussprachen über diese Frage 
hatte. Sismondi scheint zum Schluß, wenn auch mit vielen Einschränkungen, Rioakdo’s 
Ansicht beigepflichtet zu haben. Er sagt nämlich (ebenda, S. 424): „Wir kommen 
also wie Rioabdo, dazn, daß die Produktion am Ende der Zirkulation, wenn sie nirgends 
unterbrochen wird, einen Verbrauch schafft.“ „Das ist aber nur richtig,“ fügt er an, 
„wenn Zeit und Raum außer acht gelassen werden . . ., wenn alle Hindernisse, die 
diesen Umlauf unterbrechen können, nicht beachtet werden.“ Sismondi hat seinen 
Gesichtspunkt gegen seine drei Gegner in zwei Aufsätzen verteidigt, die am Schluß 
der 2. Ausg. der Nouv. Princ. abgedruckt sind.
	        
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