Kapitel I. Sismondi und die Ursprünge der kritischen Schule.
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sein des Menschen.“ Nichts führt sicherer in die Irre, als wenn man
den Reichtum für sich seihst betrachtet „und den Menschen darüber
vergißt 1 ). Daher muß neben der Gütererzeugung, die fast ausschließ
lich von den Klassikern in Betracht gezogen wird, ein wenigstens
ebenso großer Platz der Verteilungstheorie eingeräumt werden. Aller
dings hätten die Klassiker ihm erwidern können, daß sie der Pro
duktion den ersten Platz einräumen, weil in ihren Augen die Ver
mehrung der Produkte die Grundbedingung jedes Fortschrittes in ihrer
Verteilung dar stelle. Sismondi aber versteht hierunter etwas ganz
anderes. Nach ihm verdienen Reichtum oder Wohlstand diesen Namen
überhaupt nur, wenn sie in einem befriedigenden Verhältnis verteilt
sind. Wenn man von dieser Verteilung absieht, so kann man sie sich
weder vorstellen, noch irgendein Urteil darüber abgeben. Weiterhin
räumt er in der Verteilung der Güter denen einen ganz besonderen
Platz ein, die er die „Arraen“ nennt, nämlich denen, die zur Be
schaffung ihres Lebensunterhaltes nur ihre Hände haben, und die vom
Morgen bis zum Abend in den Fabriken oder auf den Feldern sich
abmühen. Denn sind sie es nicht, die die Mehrheit der Bevölkerung
bilden, und das, was ihn vor allem interessiert, sind die Wirkungen,
die die Erfindung der Maschinen, die Freiheit der Konkurrenz und
die Herrschaft des Eigentums auf das Schicksal dieser Armen aus-
tiben. „Die Nationalökonomie,“ so sagt er an einer Stelle, „wird
letzten Grundes zu einer großen Theorie der Wohlfahrt, und
alles was nicht in seinem Endzweck zum Glück der Menschen bei
trägt, gehört keineswegs zu dieser Wissenschaft“ 2 ).
Was Sismondi in Wirklichkeit beschäftigt, ist weniger . die Na
tionalökonomie, als das, was man seitdem in Frankreich „Economie
sociale“ und in Deutschland „Sozialpolitik“ genannt hat. Seine
originelle Leistung besteht darin, ihr Studium begründet zu haben.
J.-B. Say behandelt diese Definitionen, die in so starkem Gegen
satz zu seinen eigenen stehen, hochmütig, wie folgt: „Herr von Sis
mondi nennt die Nationalökonomie die Wissenschaft, deren
Anfgabeesist, überdas GlüekdesMenschengeschlechts
zu wachen. Zweifellos hat er sagen wollen; Die Wissenschaft,
’) „In abstracto ist die Güteransammlung im Staat durchaus nicht der Zweck
der Regierung, sondern dieser Zweck ist vielmehr die Ermöglichung der Teilnahme aller
Bürger an den Annehmlichkeiten des physischen Lebens, die der Reichtum vorstellt...,
es ist im absoluten durchaus nicht wahr, daß der Reichtum und die Bevölkerung als
Zeichen des Wohlstandes eines Staates gelten können, sondern nur auf Grund ihres
gegenseitigen Verhältnisses“ (Nouv. Princ., I, S. 9).
2 ) Nouv. Princ., II, S. 250; an anderer Stelle sagt er: „Wenn die Verwaltung
sich vornehmen sollte, eine der Klassen des Volkes vor der anderen zu begünstigen,
so sollten es gerade die Tagelöhner sein, die sie bevorzugen sollte“ (Nouv. Princ., I,
S. 372).