Full text : Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

204

Zweites  Buch.  Die  Gegner.

lassen  müssen,  ist  sogar  als  unwissend  hingestellt  worden  und  hat
ein  halbes  Jahrhundert  hindurch  seinen  Platz  unter  den  Volkswirtschaftlern
  verloren.
Auch  das  ist  einer  der  Punkte,  über  die  die  klassischen  Nationalökonomen ­
  sich  in  vollständiger  Übereinstimmung  befanden 1 ).  Für
sie  sind  die  Maschinen  wohltätige  Einrichtungen,  weil  sie  die  Lebens-■
  mittel  billiger  liefern,  weil  sie  einen  Teil  des  Einkommens  der  Verbraucher ­
  freisetzen,  weil  sie  infolgedessen  die  Nachfrage  nach  anderen
Produkten  vermehren,  und  so  der  Arbeit,  die  sie  zuerst  überflüssig
gemacht  haben,  Beschäftigung  verschaffen.  Sismondi  leugnet  nicht,
daß  sich  theoretisch  das  Gleichgewicht  zum  Schluß  wieder  hersteilen ­
  wird;  jede  neue  Produktion  muß  auf  die  Dauer  an  irgendeiner ­
  Stelle  einen  neuen  Verbrauch  schaffen.  Betrachten  wir  aber
die  Wirklichkeit.  Hören  wir  auf,  „Zeit  und  Baum  außer  acht  zu
lassen“;  setzen  wir  die  Hindernisse  und  die  Reibungen  des  sozialen
Mechanismus  in  Rechnung.  Was  sehen  wir  da?  Die  unmittelbare ­
  Wirkung  der  Maschine  besteht  darin,  Arbeiter  auf  die  Straße
zu  werfen,  ihre  gegenseitige  Konkurrenz  zu  verschärfen,  die  Löhne
aller  anderen  auf  dem  Markte  zu  erniedrigen  und  so  weiterhin  ihren
^Verbrauch  und  infolgedessen  ihre  Nachfrage  zu  vermindern.  Weit
davon  entfernt,  stets  wohltätig  zu  sein,  tritt  die  nützliche  Wirkung
der  Maschinen  nur  dann  ein,  wenn  ihrer  Einführung  ein  Wachstum
der  Einkünfte  und  infolgedessen  eine  neue  Arbeitsmöglichkeit  für  die
Arbeiter,  deren  Stelle  sie  eingenommen  haben,  vor  aus  gegangen
ist.  „Selbstverständlich  wird  niemand  bezweifeln,  daß  ein  Vorteil
darin  liegt,  einen  Menschen  durch  eine  Maschine  zu  ersetzen,  aber
nur,  solange  dieser  Mensch  anderweit  Arbeit  findet 2 ).“

')  Die  Übereinstimmung  ist  aber  nicht  vollständig.  Eicaedo  hat  allerdings  der
3.  Ausg.  seiner  Principles  ein  Kapitel  über  die  Maschinen  angefügt,  in  dem  er
bekennt,  sich  getäuscht  zu  haben,  als  er  annahm,  daß  die  Maschinen  stets,  nach
einiger  Zeit,  den  Arbeiterinteressen  nützlich  werden.  Er  erkennt  an,  daß  die  Arbeiter
immer  unter  den  Maschinen  leiden  werden,  wenn  dieselben,  sei  es  auch  unter  Erhöhung ­
  des  Nettoertrages,  den  Bruttoertrag  der  Industrie  verringern.  Er  scheint  zu
glauben,  daß  dieser  Eall  häufig  genug  eintreten  kann.  In  Wirklichkeit  wird  er  nur
selten  Vorkommen.
2 )  Nouv.  Princ.,  I,  8.  399.  Hier  muß  das  berühmte  Argument  der  Kurbel  angeführt ­
  werden;  Sismondi  fragt:  „Wenn  es  England  gelingen  sollte,  alle  Arbeit  auf
seinen  Feldern  und  in  seinen  Städten  von  Dampfmaschinen  ausführen  zu  lassen  und
nur  soviel  Bewohner  zu  haben,  wie  die  Eepublik  Genf,  gleichzeitig  aber  dieselbe
Produktionsmenge  und  dasselbe  Einkommen,  wie  heute,  müßte  man  es  dann  reicher
oder  ärmer  als  heute  nennen?  Eicardo  sagt  Ja.  -—  Folglich  ist  der  Eeiehtum  alles,
der  Mensch  absolut  nichts  ?  Dann  müßte  man  wahrhaftig  wünschen,  daß  der  König
allein  auf  seiner  Insel  lebe  und  durch  das  beständige  Drehen  einer  Kurbel  automatisch ­
  alle  Arbeit  in  England  verrichten  lasse“  (II,  8.  329).  Man  kann  auf  den  so
formulierten  Einwurf  antworten,  daß  die  Gemeinschaft,  lange  ehe  dieser  Zustand
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.