Kapitel I. Sismondi und die Ursprünge der kritischen Schule. 221
arbeitgeber), auf ihre Kosten den Arbeiter während der Zeiten der f/
Krankheit, der Arbeitslosigkeit und des Alters zu unterhalten. Wenn
diese Forderung anerkannt wäre, würden die Arbeitgeber kein Inter
esse mehr daran haben, den Lohn ihrer Arbeiter beständig zu ver
ringern, — oder Maschinen einzuführen, oder schließlich die Pro
duktion ohne Notwendigkeit zu vermehren. Wenn sie für das
Schicksal ihrer Arbeiter verantwortlich wären, würden sie die
Wirkungen in Betracht ziehen, die alle Neuerungen, die sie heute
nur vom Gesichtspunkt ihres Profites aus ins Auge fassen, auf das
Wohlsein ihrer Arbeiter haben 1 ). Man könnte versucht: sein, in
diesem Vorschlag eine Vorahnung der großen sozialen Versicherungs
gesetze zu sehen, die die europäischen Staaten seit 30 Jahren bei
sich eingeführt haben. Das trifft jedoch nur teilweise zu/ Denn für
Sismondi ist der Arbeitgeber, und nicht die Gesellschaft, derjenige,
der diese Lasten zu übernehmen hat. — Das, was er gerade den
englischen Unterstützungsgesetzen, besonders dem berühmten Armen
gesetz vorwirft, ist, daß es die Löhne erniedrigt und die Gleich
gültigkeit der Arbeitgeber erhöht, indem es sich an die Stelle der
Hilfe setzt, die sie den Arbeitern leisten sollten.
Im ganzen zeigt die Haltung Sismondi’s sowohl in seinen Keform-
projekten, wie in seiner Kritik der Ökonomisten jene Zaghaftigkeit
und jene Unsicherheit, die sich aus einem beständigen Konflikt
zwischen seinem Verstände und seinem Gefühle ergaben. Zu intelli
gent, um die Wohltaten der neuen industriellen Ordnung zu über
sehen, zu feinfühlig, um nicht von gewissen ihrer traurigen Folgen
berührt zu werden, zu konservativ und zu weise, um eine vollständige
Umwälzung der Gesellschaft sich vorstellen zu können, — steht er
erstaunt und betrübt über die Ohnmacht des Menschen vor dem
Übel. Dazu kommt, daß er sich nicht stark genug fühlt, das Heil
mittel zu entdecken. In bescheidenen und zugleich rührenden Worten
gesteht er dies selbst ein.
„Ich muß zugeben, daß ich, nachdem ich gezeigt habe, wo meiner
Ansicht nach das Prinzip liegt, und wo die Gerechtigkeit, nicht die
Kraft in mir fühle, die Mittel zur Abstellung der Übelstände und
zur Verwirklichung eines besseren Zustandes zu finden. Die Ver
teilung der Arbeitsfrüchte zwischen denen, die zu ihrer Erzeugung
beitragen, erscheint mir voller Fehler; aber ich habe den Eindruck,
als ob es fast über die menschliche Kraft ginge, sich eine Ordnung
des Eigentums vorzustellen, die von der uns bekannten völlig ver
schieden sei.“ (Neue Grundsätze, II, 364.)
’) N. p., ii, s. 661.