54. Die Finanzierung.
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fahrung eine große Zahl von mißglückten Umwandlungen. Oer Lank
leiter muß vor allem darauf achten, wie die Entwicklung der ganzen
Branche verläuft, und zwar nicht bloß die vorübergehende Konjunktur,
sondern die dauernde Entwicklungslinie. Es gibt Unternehmungszweige
mit stetig aufsteigendem Gewinn, wie die Brotfabriken, deren Nutzen
bei guter Organisation mit der Größe der Bevölkerung zu wachsen ten
diert, Unternehmungen mit stetig fallendem Gewinn, die technisch nicht
mehr konkurrenzfähige Produkte liefern, Unternehmungen mit gleichmä
ßigem Gewinn, wenn eine bestimmte Produktionsmenge erzeugt und
der Nutzen durch Kartellbestimmungen sichergestellt ist, z. B. ein großer
Teil der Sprengstoffindustrie. Die weitaus meisten Unternehmungen
hängen aber in ihren Ertragsverhältnissen von der Konjunktur ab und
die Gewinne bewegen sich in Wellenlinien, deren Spitzen in den Kon-
junkturen der aufsteigenden Epoche immer höher liegen — wie ;. B. bei
der deutschen Montanindustrie— oder deren Spitzen immer tiefer liegen,
z. B. der Bierindustrie. Wenige Unternehmen können als absolut gut
oder absolut schlecht bezeichnet werden. Oer Zeitpunkt der Umwandlung
und der hiefür gezahlte preis spielt eine besonders große Nolle. Oie
Zahl mißglückter Umwandlungen gutgehender Unternehmungen ist
sehr erheblich, und ein derartiger Fehlschlag kann die Erweiterungsfähig-
keit einer Gesellschaft außerordentlich stark beeinträchtigen. Besondere
Vorsicht ist bei Geschäften mit sehr hohem Ertrag geboten, weil mancher
Unternehmer die Neigung hat, im Zenith der Konjunktur sein Unter
nehmen umzuwandeln, wenn er ein Sinken der Ertragsaussichten für
bevorstehend hält und weil überhaupt bei Nachforschung der Grundlagen
hohen Ertrags sich gewöhnlich eine Reihe von Faktoren ergeben, bei
denen Verschlechterung möglich ist — Auflösung eines Kartells, Er
höhung der Ausgaben usw. Bei Ansetzung des Ertrags, der zur Grund
lage der Kapitalisierung genommen werden soll, wird der Bankleiter
nicht mehr als den NNndestertrag der letzten Konjunktur annehmen, hie
von die für die persönliche Arbeitsleistung des Unternehmers zu berech
nenden Honorare in Abzug bringen und erst auf der so ermittelten Ge
winnrechnung die Kapitalisierung vornehmen. Der tüchtige Bankleiter
wird sich bei einer Finanzierung auch nicht ausschließlich aus die heute so
beliebten Sachverständigen verlassen, sondern sich selbst ein eigenes Urteil
über die Art der im Unternehmen leitenden Persönlichkeit bilden, die
er zur Kontrole ihrer kaufmännischen Fähigkeiten womöglich bei der
Arbeit selbst beobachtet. Bei Neugründungen von Unternehmungen
berücksichtigt der Bankleiter bei Prüfung des Kostenvoranschlags die
Erträge, welche andere Aktienunternehmungen derselben Branche