Kapitel II. Saint-Simon, die Saint-Simonisten u. d. Ursprung- des Kollektivismus. 245
Zinsen wie Profit nur ein am Arbeiter begangener Diebstahl sein.
Das Einkommen des Unternehmers ist nicht weniger ungerecht als
das des Kapitalisten oder des Großgrundbesitzers 1 ).
Diese letzte Theorie erscheint viel radikaler als die vorher-
gehende, da sie jedes andere Einkommen als den Lohn des Arbeiters
■verurteilt: in Wirklichkeit steht sie auf viel schwächeren Füßen.
Es genügt darzutun, daß der Wert der Erzeugnisse nicht von der
Hand geschaffen wird, um das ganze Gebäude Marx’ über den Haufen ;
zu werfen. Die Saint-Simonisten haben sich nie mit einer Wert
theorie abgegeben. Ihre sehr einfache Lehre beruht auf der offen
kundigen Unterscheidung zwischen dem Einkommen aus Arbeit und
dem Einkommen aus Eigentum. Diese Unterscheidung kann niemand
anfechten. Schon Sxsmondi hatte sie gemacht. Um die Folgerung,
die sie daraus ziehen, — nämlich die Unrechtmäßigkeit des Ein
kommens ohne Arbeit — ablehnen zu können, muß man für das Ein
kommen unbedingt eine andere Begründung als die Arbeit finden
and für die wesentliche Eigenschaft des Eigentums eine neue Recht
fertigung entdecken.
Man versucht im allgemeinen, diese Rechtfertigung in den Not
wendigkeiten der Produktion zu finden. Das Privateigentum mit
dem ihm eigenen Einkommen rechtfertigt sich in den Äugen einer
beständig wachsenden Zahl von Nationalökonomen durch den Ansporn,
den es zur Gtttererzeugung und Güteransammlung bietet. Das ist
der beste Kampfplatz, auf den man sich zu seiner Verteidigung stellen
kann. Ihn hatten unter anderen auch die Physiokraten gewählt 2 ).
Die Saint-Simonisten verwerfen aber gleich von Anfang an dieses
Argument: sie greifen das Privateigentum nicht weniger heftig im
Hamen der sozialen Nützlichkeit als in dem der Gerechtigkeit an.
Nach ihrer Meinung muß es nicht nur im Interesse der Verteilung,
sondern auch in dem der Erzeugung verschwinden.
b) Wir kommen nun zu dem zweiten Gesichtspunkte, den Saint-
Simon sich begnügt hatte, festzustellen, ohne ihn eingehender zu
') Die Verschiedenheiten des Wortes „Ausbeutung“, je nachdem man sich auf
den Standpunkt Sismondi’s, der Saint-Simonisten oder Marx stellt,, lassen sich wie
folgt ausdrücken: 1. Für Sismondi wird der Arbeitende in dem Sinne ausgebeutet,
daß man ihm keinen Lohn gibt, der zu einem menschenwürdigen Leben
genügt; das Einkommen ohne Arbeit erscheint ihm aber berechtigt; 2. lür die
Saint-Simonisten besteht die Ausbeutung darin, daß ein Teil des materiellen
Arbeitsertrages durch die sozialen Einrichtungen zum Profit des Unter
nehmers entwendet wird; 3. Für Marx endlich existiert die Ausbeutung in dem
Sinn, daß ein Teil des durch die Arbeit geschaffenen Wertes von den
Kapitalisten infolge der sozialen Einrichtungen und der Tauschgesetze ent
wendet wird.
*) Siehe oben, S. 27—28.